Nach längerer Pause erscheint sie wieder. Die Presseschau. Aber warum gerade eine ungerade Jahreszahl? Zunächst habe ich keine Lust mehr den Kriegsberichterstatter zu spielen und bei der Recherche zu einer anderen Sache stellte ich fest, dass - nach meiner Sicht - gerade das Jahr 1896 und vor allem das folgende Jahr besondere Neuigkeiten für Dresden brachte. Daher der Entschluss die Presseschau nicht mehr "vor 100 Jahren" zu nennen, sondern mit dem 1. Oktober 1896 zu beginnen und weiterhin folgend durchzuführen.
Quellen sind die jeweiligen Tageszeitungen die mit dem Kürzel DN für Dresdner Nachrichten, DA für Dresdner Anzeiger und DNN für die Neuesten Nachrichten benannt werden und sich in der SLUB-Dresden im Filmformat befinden.
Die ausgewählten Nachrichten und Texte sind in der damaligen Rechtschreibung geschrieben, Hervorhebungen sind original. Eventuelle Tippfehler bitte ich zu entschuldigen.
Und nun wünsche ich viel Freude beim Erkunden der ach so wichtigen Meldungen, welche Dresden vor 119 Jahren bewegte.


Dienstag, 20. April 1897

Der Tag nach dem Feiertag. Kein Wetter ist angesagt, dafür einige Nachrichten aus dem Königshause:

"Nach dem Gottesdienst in der katholischen Hofkirche nahm vorgestern die Königl. Familie mit den Damen und Herren vom Dienst das geweihte Osterfrühstück im Residenzschloß ein. (DN)"

Nicht nur der Kaiser, auch die Kaiserin kommt nach Dresden:

"Gutem Vernehmen nach trifft auch Ihre Majestät die deutsche Kaiserin am 23. d. M. hier ein, um Sr. Majestät dem König die Glückwünsche zum Geburtstage darzubringen. (DN)"

Und danach entfleuchen Albert und Carola wieder:

"Während Ihre Majestät die Königin nach Karlsbad geht, wird Se. Majestät der König Anfang kommenden Monats nach Sibyllenort übersiedeln. (DA)"

Und wieder legte sich ein Kahn quer vor die Brücke. Diesmal vor die Augustusbrücke:

"Am ersten Feiertag in den frühen Morgenstunden erlitt ein nach Aken a. d. Elbe gehöriger, auf der Thalfahrt begriffener großer Elbkahn vor der Augustusbrücke eine Havarie. Jedenfalls infolge der herrschenden Dämmerung wurde derselbe auf das seiner geringen Breite wegen für die Schifffahrt äußerst gefährliche 5. Brückenjoch zugesteuert. Zu spät erst wurde man dem verhängnißvollen Irrthum gewahr und versuchte noch kurz vor der Brücke den Kahn in die richtige Fahrbahn zu bringen. Bei diesen Bemühungen sollen die zum schnellen Lenken benutzten mit sog. Hörnern versehenen starken Stangen nicht Stand gehalten haben, sodaß das Schiff vollends zur Seite gedrückt wurde und sich quer vor die Brücke legte. Außer dem durch das Aufschlagen am Ufer zertrümmerten Steuerruder dürfte der Kahn glücklicher Weise nur unbedeutende Schäden erhalten haben. Nach vielfachen Anstrengungen gelang es erst Mittags gegen 1 Uhr drei Radschlepp- und einem Kettenschleppdampfer das mit Braunkohlen beladene ungewöhnlich breite Fahrzeug stromaufwärts zu schleppen und bei der Albertbrücke an´s Ufer zu bringen. Wie verlautet, soll der Unfall hauptsächlich dem Umstand zuzuschreiben sein, daß das Schiff einen mit den Dresdner Brückenverhältnissen vertrauten Lootsen nicht an Bord hatte. Der bei der Abbringung betheiligt gewesene Kettenschleppdampfer erlitt übrigens durch den Bruch der Kette noch längeren unfreiwilligen Aufenthalt. (DN)"

Kletterunfall in der Sächsischen Schweiz:

"Ein aus Dresden stammender Tourist ist am Charfreitag beim Besteigen des hinteren Raubschlosses in der Nähe des Zeughauses in der Sächsischen Schweiz infolge eines Fehltrittes abgestürzt. Der junge Mann, welcher anscheinend schwere innere Verwundungen erlitten hatte, wurde noch im Laufe des Nachmittags nach Dresden überführt. (DN)"

Wir kommen schon zum morgigen Mittagessen:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Spargelsuppe. Fleischpudding mit Maccaroni. Frische Schweinskeule mit Salat. Reispudding mit Hagebuttensauce. – Für einfachere: Rindfleisch mit weißen Bohnen. (DN)"

Auch Theater gibt es. Und das heute schon:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang ½ 8 Uhr: Carmen.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Die Journalisten.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Charley´s Tante."

Jetzt fehlt nur noch Onkel Schnörke:

"Briefkasten.

*** Ab. Chemnitz. „Wieviel kosten bei uns in Chemnitz jährlich die Rohrstöcke, die in den Volksschulen verbraucht werden. Wer kontrollirt die Herren Lehrer in den Schulstuben und wie oft geschieht dies?“ – Ihre Zuschrift verräth ebenso viel Gehässigkeit als Unverstand. Können Sie denn auch einen Augenblick lang glauben, daß es einem Lehrer Vergnügen bereitet, eine körperliche Züchtigung vorzunehmen? Gleichwohl giebt es gewisse Fälle, wo ernste Strenge zur Pflicht wird. Keinem Einsichtigen wird es entgangen sein, daß unsere heutige Jugend ganz besonders zur Unbotmäßigkeit und Respektlosigkeit Erwachsenen gegenüber zeigt. Ein Wunder ist dies auch nicht in einer Zeit, wo leider an allen Autoritäten gerüttelt und vor Kinderohren ungescheut oft die haarsträubendsten Dinge verhandelt werden. Jedenfalls krankt die heutige Kindererziehung im Allgemeinen weit eher an einer falschverstandenen und übertriebenen Humanität, als an einer zuweitgehenden Strenge. An Kontrole der Lehrer und deren Thätigkeit fehlt es wahrlich nicht. Direktoren, Geistliche, Stadtschulräthe und Königl. Bezirksinspektoren besuchen oft in rascher Folge die Lehrer bei der Arbeit, ganz abgesehen davon, daß die schärfsten Kontrolleure, die thatsächliches unrecht des Lehrers gewiß nicht verschweigen, die Schulkinder selbst sind. Uebrigens, wohl dem, der eine strenge Schule in seiner Jugend durchmacht: er wird den ernsten und strengen Anforderungen, die später die Schule des Lebens an ihn stellt, besser gewachsen sein als Derjenige, dem in den Tagen der Kindheit nur die Rosen, nicht aber auch die Dornen des irdischen Lebensweges zu Gesicht kamen.

*** Neffe Max. „Wieviel Mark Kaution hat ein Kondukteur der hiesigen Straßenbahnen zu hinterlegen?“ – 100 Mk.

*** Langj. Ab in G. „Ich habe die Absicht, meinen Schuppen mit Holzpflaster zu belegen. Könntest Du mir vielleicht ein Geschäft oder Fabrik nennen, welches dasselbe liefert, und wie theuer der Quadratmeter kommt?“ – Holzpflaster wird von verschiedenen Sorten Holz hergestellt, von Eiche, Buche und Kiefer. Für einen Schuppen ist Kiefernholz genügend und auch das billigste. Bei Verwendung von 10 Cm. hohen Klötzchen stellt sich der Quadratmeter in Kiefer ungefähr auf 6 Mk., Buche 9 Mk. und Eiche 15 Mk. Die Fahrbahn der Loschwitz-Blasewitzer Brücke, von der Firma A. Prée in Dresden ausgeführt und vor vier Jahren fertig gestellt, ist mit den vorstehend angeführten drei Holzsorten gepflastert und es haben sich dieselben bis jetzt sämmtlich gut bewährt. (DN)"

Eine Wohnung in toller Umgebung? Gleich beim König:

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Montag, 19. April 1897

Auf Grund der Osterfeiertage erscheinen heute keine Zeitungen.

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Sonntag, 18. April 1897

Es wird wohl nichts mit dem Osterspaziergang:

"Auf eine kühle Nacht, deren tiefste Temperaturen zwischen 6 Gr. (Dresden) und – 2 Gr. (Fichtelberg) lagen, folgte am 16. April unter vorwiegend heiterem, durchweg trocknem Wetter wiederum eine rasche Wärmezunahme. Die Mittelwerthe betrugen 9,5 Gr. bis 0,5 Gr. an den obigen Stationen, das Maximum trat mit 12,8 G. (Leipzig) ein. Schneetiefen Reitzenhain 8, Fichtelberg 30 Cmtr. Bei allmählicher Abflachung der nordwestlichen Depression (Sumburghead 760 Mm.) breitet sich tiefer Druck über der Nordsee in südöstlicher Richtung aus und beschränkt das Hochdruckgebiet auf einen schmalen, zungenförmigen Streifen, welcher sich von dem Maximum in Südfrankreich über Süddeutschland und Oesterreich bis nach Schlesien erstreckt. Eine südwestliche, stellenweise auffrischende Strömung bringt am Morgen bei wechselnder Bewölkung eine Wärmezunahme gegen den Vortag; an der Küste finden bereits vereinzelte Niederschläge statt. Bei uns hat sich im Laufe des Vormittags zunehmende Bewölkung eingestellt und wird die Wetterlage mit dem Vordringen des tiefen Drucks von Nordwesten wieder unsicher.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 22 Gr. Wärme, niedrigste 5 Gr. Wärme. Bewölkt. Südwestwind. (DN)"

Das meint auch der wetterfühlige Pferdebahnschaffner:

"„Sehen Sie einmal den grauen Himmel über´m Zwinger und Hoftheater“, sagte gestern Nachmittag de wetterkundige Kondukteur der Pieschner Pferdebahn, als wir über die Augustusbrücke fuhren, „das wird wohl schlechtes Wetter für die Osterfeiertage geben!“ Ich beruhigte ihn und bat, er möge nicht so laut sprechen, er vernichte damit den vielen Hoffnungsfreudigen, welche für die Osterfeiertage unbedingt gut Wetter haben müssen, ihe besten Illusionen. Aber …. Der scharfblickende Kondukteur wird wohl recht behalten und man kann nur im Interesse aller Sonnenfreunde wünschen, daß der gute Mann sich diesmal gründlich geirrt haben möge. (DN)"

Ein Glück, dass es da die Ausstellungen gibt, wo es grünt und blüht:

"Ihre Majestäten der König und die Königin besuchten am 15. ds. Mts. die Ausstellung der Gartenbaugesellschaft „Flora“ Die Ausstellung ist noch heute, morgen und am Dienstag geöffnet. (DN)"

Überhaupt, aus dem Königshause:

"Gestern Nachmittag 6 Uhr nahmen Ihre Majestäten der König und die Königin an der großen Auferstehungsprozession in der Katholischen Hofkirche Theil. (DN)"

Der Kaiser kommt bekanntlich, wird sich aber voraussichtlich nur, abgeschirmt von Hurraschreiern, in Strehlen aufhalten:

"Wie bereits gestern mitgetheilt ward, wird Se. Majestät der Kaiser auch zum diesjährigen Geburtstage Sr. Majestät des Königs zu dessen persönlicher Beglückwünschung in Dresden eintreffen. Die Ankunft Sr. Majestät des Kaisers in Dresden-Stehlen erfolgt am 23. April Vomittags 10 Uhr, die Abreise am nächsten Tage Vormittags 9 Uhr 5 Min. (DN)"

Vom Neumarkt zum Großen Garten und zurück. Stimmt die Droschkenanzeige:

"Einige Verwunderung bei dem Publikum rief in den letzten Tagen der Umstand hervor, daß man vom Neumarkt aus zahlreiche, mit Polizeibeamten besetzte Droschken erster Klasse nach dem Großen Garten fahren sah. Es hat sich dabei um behördliche Probefahrten mit über 40 Taxametern gehandelt, um welche der bisherige Bestand (100) dieser Droschkengattung vermehrt worden ist. Die Beamten hatten die Taxameter auf ihre Richtigkeit zu prüfen. (DN)"

Die Hauptstraße erhält ietzt Blumenrabatten auf Hochbeeten:

"Die Allee der Hauptstraße erhält jetzt Randbeete, erhöhte Rabatten, die mit steinernen Einfassungen umgeben werden. (DA)"

Eigentlich müsste es in der Lößnitz jetzt auch grünen, doch die Reblaus scheint tatsächlich ganze Arbeit geleistet zu haben. 119 Jahre später könnte der Weinbau wieder in die Bedeutungslosigkeit fallen, dann mittels Chemiecocktails:

"Aus der Lößnitz schreibt man, daß die ehemals grünenden Rebenhügel einen trostlosen Anblick gewähren, indem sich die von der Reblaus angerichteten Verwüstungen erst jetzt übersehen lassen. Fast sämmtliche Weinberge sind verödet, und es soll auch für die nächste Zeit wenig Aussicht vorhanden sein, daß eine Aenderung dieses Zustands eintritt, da eine große Anzahl der Berge nicht wieder bepflanzt werden darf. (DN)"

Wein in Flaschen oder Gläser, Bier und Kaffee und sicher auch was zu Futtern gibt es ab heute wieder im Linckeschen Bade:

"Das Lincke´sche Bad wird heute nach kurzem Schluß unter Regie des neuen Pächters, Herrn A. Henner, neu eröffnet. Die Renovirungsabeiten sind nahezu beendet. In völlig neuem, fertigem gewande präsentirt sch der große Saal. Derselbe ist in Creme, grün-gold gestimmt, gehalten. Herr Dekorationsmaler Carl Seifert hat in der kurzen, ihm zur Verfügung gewesenen Zeit ein wahres Meisterstück geliefert, was namentlich hinsichtlich der reichen Deckenmalerei gilt. Die Gastzimmer machen einen einfach-vornehmen Eindruck. Auch der schöne, an der Elbe gelegene Garten hat wesentliche Verbesserungen erfahren. Die Beleuchtung, verbessertes Auer´sches Licht, ward von der bekannten Firma A. Soenderop in tadelloser Beschaffenheit geliefert. Herrn Henner, dem durch seine langjährige Bewirthschaftung des Gewerbehauses ein gutes Renommee zur Seite steht, dürfte es in dem neuen Wirkungskreise am Erfolge nicht fehlen. Heute Nachmittag 5 Uhr findet das erste Concert von der Kapelle des 1. Feld-Artillerie-Regiments Nr. 12 unter Leitung des Herrn Stabstrompeter Baum statt. (DN)"

Auch in der "Wirtschaft" geht das Rambazamba wieder los:

"In der Großen Wirthschaft im Königl. Großen Garten beginnen mit heute die regelmäßigen Nachmittags- resp. Abendconcerte. Die Kapelle wird wieder unter der bewährten Leitung des Musikdirektors Herrn August Wentsche stehen. Bei günstiger Witterung dürfte die Feiertage über genanntes Etablissement das erste sein, welches schon Gartenconcerte bietet. (DN)"

In Trachenberge hat die Eselei wieder zugenommen, Nee, nicht dort wo ihr jetzt denkt - da vielleicht auch -, ich meine an diesem Orte:

"Nach Eselmilch war in letzter Zeit die Nachfrage derart gesteigert, daß der Hellerhof nicht immer sämmtlichen Aufträgen entsprechen konnte. Der Vorstand hat inzwischen den Stutenbestand erhöht und ist nunmehr in der Lage, auch größeren Ansprüchen gerecht zu werden. Zur Auffrischung der Zucht sind überdies zwei arabische Hengste angekauft worden. (DA)"

Wie gesagt, gemeint sind keineswegs Bürohengste.
Nun zu den edleren Tieren:

"Kaditz.  Seit einigen Tagen herrscht hier wieder an dem als „Lachsfang“ bekannten Elbufer ein frisches, fröhliches Nomadenfischerleben. In Hütten und Zelten hausen Dresdener und andere Fischer, welche der immerhin mühseligen und oft vom geringen Erfolge begleiteten Beschäftigung obliegen, die nach den Gebirgsflüßchen des Oberlaufes der Elbe (Lachsbach, Wesenitz u. s. w.) zum Laichen ziehenden Edelfische abzufangen. Hierzu werden eigens behördlich vorgeschriebene großmaschige Netze verwandt. Das Treiben der Fischer läßt sich bei der jetzigen guten Fährverbindung Stetzsch – Kaditz sehr leicht beobachten. Die hiesige Fangstelle, an welcher im Vorjahre bereits 48 Fische im Gesammtgewicht von nahezu 8 Centnern gefangen wurden, während man an den übrigen vier Plätzen insgesamt nur 6 Centner 47 ½ Pfund erbeutete, scheint auch in diesem Jahre ertragreich zu sein. (DA)"

Was kommt auf den Teller? Da ja morgen keine Zeitungen erscheinen im Doppelpack:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Echte Schildkrötensuppe in Tassen. Salmi von Wildenten. Lachs auf dem Rost gebraten. Spargel und Morchelgemüse mit Hühnerkoteletten. Wildschweinsrücken mit Salat. Apfelsinen-Eis. – Für einfachere: Grüne Suppe. Gebratene Kalbskeule mit Spargelgemüse und Apfelkompot.
Was speisen wir übermorgen? Für höhere Ansprüche: Suppe mit Eierstand. Frischer Hecht mit Ragout finacière. Gefüllten Kapaun mit Salat. Biscuit-Pudding mit Rumsauce. – Für einfachere: Hafermehlsuppe. Fleischklößchen und Kartoffelsalat. (DN)"

Die Karwoche ist vorbei und die Jünger von Thalia und Terpsichore kommen wieder auf ihre Kosten. Heute:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang 7 Uhr: Odysseus´ Heimkehr.
K. Hoftheater Neustadt: nachmittags: Anfang ½ 3 Uhr: Don Carlos; abends: Anfang ½ 8 Uhr: Die versunkene Glocke.
Residenz-Theater: nachmittags: Anfang ½ 4 Uhr: Die Fledermaus; abends Anfang ½ 8 Uhr: Chaley´s Tante."

Und morgen:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang 7 Uhr: Carmen.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang 6 Uhr: Faust 1. Theil.
Residenz-Theater: nachmittags: Anfang ½ 4 Uhr: Waldmeister; abends Anfang ½ 8 Uhr: Charley´s Tante."

Was meldet uns die Polizei:

"Polizeibericht. Verschwunden ist seit dem 7. d. M. ein 46 Jahre alter Privatmann, welcher unter der Angabe, er kehre Mittag wieder zurück, frühzeitig seine Familie und seine hiesige Wohnung verlassen hat. Seiner Ehefrau gegenüber hat er über den Verbleib ihres Vermögens unwahre Angaben gemacht. Möglich ist, daß er des Geldes verlustig geworden ist und deshalb den Tod gesucht hat. Der Vermißte, welches als besonderes Kennzeichen braune Flechten auf der Brust hat, ist von kräftiger untersetzter Gestalt, hat blonden Schnurrbart und schadhafte Zähne. Seine Leibwäsche und sein Taschentuch sind „E. F.“ gezeichnet. – Gestern Abend sprang eine in letzter Zeit schwermüthig gewordene Schankwirths-Ehefrau in der Nähe von „Antons“ in selbstmörderischer Absicht in die Elbe. Auf ihre Hilferufe wurde sie von dem Schiffer Weber und dem Gymnasiasten Renz wieder herausgezogen und sodann dem Siechenhause zugeführt. – Ein unbekannter Bettler hat unter schwindelhaften Angaben und Abgabe einer Visitenkarte auf den Namen „Carl Harry v. Fürstenberg“ in letzer Zeit in hiesiger Stadt um Unterstützung nachgesucht. Die Kriminal-Abtheilung der königlichen Polizeidirektion ersucht um Anhaltung beim Atreffen. – Aus dem Güterschuppen des hiesigen Leipziger Bahnhofes ist in der Zeit vom 24. bis 27. März ein 17 kg. schweres Ballot, enthalten verschiedene wollene Sommer-Damenkleiderstoff, und zwar theils blau, gelb und weiß karrirt, theils braun und weiß gesprenkelt und theils von hellgrauer und hellgelber Farbe, abhanden gekommen beziehentlich gestohlen worden. – Am Ausschiffungsplatze des Altstädter Elbkais ist am Karfreitag früh nach 5 Uhr der Leichnam eines unbekannten, vielleicht 50 Jahre alten Mannes aus dem Wasser gezogen worden. Der Verstorbene triug braunen Winterüberzieher mit schwarzem Sammtkragen, Beinkleid und Weste von schwarz und grau gestreiftem Stoffe, baumwollene gestrickte Unterjacke, braunes gewirktes Unterbeinkleid, weißes Halstuch mit dunklen Streifen, weiß blau und roth karrirtes Barchenthemd, grauwollene Socken und rindslederne Schaftstiefel. Der Tote kann nur 8 bis 10 Stunden vorher verunglückt sein. (DA)"

Schade um die schöne Brühe:

"In einem Meer von – Bier schwamm gestern früh gegen 8 Uhr die Wettinestraße. Ein vollbepackter Flaschenbierwagen des Hofbrauhauses war infolge Radbruchs umgestürzt, unzählige der mit dem edlen Naß gefüllten Flaschen zertrümmernd. Eine große Menschenmenge umstand den Platz und Mancher sah mit Bedauern einen guten Trunk in die Schleusen rinnen. Da durch den Unfall beide Pferdebahngleise gesperrt waren, mußte der Verkehr durch Umsteigen aufrecht erhalten werden. (DN)"

Und diese Ecke ist auch 119 Jahre später noch nicht entschärft:

"Neugruna. Ein Unglücksfall ereignete sich am Donnerstag Abend auf der Hartmannstaße, nächst der Einmündung der Maistraße, indem ein Motorwagen der elektrischen Straßenbahn mit dem Wäschetransportwagen einer hiesigen Waschanstalt zusammenstieß. De Lenker des Privatfuhrwerkes wurde sammt seiner neben ihm sitzenden Nichte vom Kutscherbock geschleudert. Beide Personen wurden verletzt. (DA)"

Auch die Kameraden der Feuerwehr hatten zu tun:

"In den gestrigen Abendstunden kurz nach ¾ 7 Uhr, gegen ¼ 9 Uhr und gegen 10 Uhr wurde die Feuerwehr nach den Grundstücken Jacobsgasse 13, Kamenzer Straße 3 und Wilsdruffer Straße 29 alarmirt. Der erste Alarm traf einen im Erdgeschosse daselbst, vermuthlich durch Selbstentzündung öliger Putzlappen entstandenen Brand, durch welchen aber ein nenneswerther Schaden nicht angerichtet wurde. Der andere Alarm war durch deinen im Untergeschosse in einer Räucherkammer ausgebrochenen Brand veranlaßt worden. Hier fielen dem Feuer eine Anzahl Speckseiten und etwa 18 kg Wurstwaaren zum Opfer. Die Entstehungsursache dieses Brandes ist auf zu starkes Räucherfeuer zurückzuführen. Der dritte Alarm endlich betraf einen in einer Kammer im fünften Obergeschosse, infolge nicht vorschriftsmäßig ausgeführter Feuerungsanlage, veranlaßten Fachwerkbrand. Während die Feuerwehr bei den beiden ersteren Bränden, da sie dieselben bei ihrem Eintreffen in der Hauptsache schon gelöscht vorfand, bald wieder abrücken konnte, hatte sie bei letzterem längere Zeit thätig zu sein. (DA)"

Linckesches Bad? Große Wirtschaft? Nee, wir statten dem bekannten Mockritzer Etablissement eine Osterbesuch ab:

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Sonnabend, 17. April 1897

Der Tag nach dem Feiertag. Da gibt es nicht viel zu erzählen und die "Neuesten nachrichten" erstrahlen vor ihrer Neuheit gleich gar nicht.
Somit gibt es auch kein Wetter, was 119 Jahre später auch besser so wäre. Aber vom Kirchgange des Königshauses wird berichtet:

"Ihre Majestäten der König und die Königin und Ihre Königlichen Hoheiten Prinz Friedrich August und Prinz Johann Georg mit Gemahlinnen wohnten gestern Vormittag dem Gottesdienst in der katholischen Hofkirche bei. Das Gotteshaus war anläßlich der Charfreitagsfeier dicht in allen Theilen besetzt. Nach 10 Uhr begann die große Prozession. Mannschaften der Gardereiter, des Leib-Grenadier-Regiments Nr. 100 und des Pionier-Bataillons bildeten Spalier. Während der Prozession, die in Kreuzenthüllung und Kreuzverehrung, in der Ceremonie der Grablegung und Aussetzung des Allerhöchsten bestand, stimmte der Chor erhebende Gesänge an. Auch Nachmittags während der Trauermetten war der Besuch der Kirche ein überaus zahlreicher. (DN)"

Weiterhin wird uns die Rückkehr der prinzlichen Reisewütigen angesagt:

"Die Rückkehr Ihrer Königl. Hoheiten Prinz Georg, Prinzeß Mathilde und Prinz Albert aus Meran steht für nächste Woche bevor. (DN)"

Der Kaiser kommt nach Dresden! Zur Gratulation zum anstehenden Königsgeburtstag:

"Wie in den Vorjahren, wird auch dieses Jahr Se. Majestät Kaiser Wilhelm Sr. Majestät dem König am 23. April die Glückwünsche zum Geburtstage persönlich darbieten. (DN)"

Im Topplappenviertel werden einige Bruchbuden niedergelegt um Platz für den Straßenbau zu schaffen:

"Am Poppitzplatz werden jetzt die Häuser, die Nummer 18, 20 und 22, niedergelegt. Wie verlautet, soll eine Straße nach der Rosenstraße angelegt werden. (DN)"

Osterspaziergang? Auf zur Bastei:

"Am 29. Mai d. J. werden es gerade 100 Jahre, daß der Name der Bastei, jetzt das beliebte Wanderziel von Zehntausenden, zum ersten Male in der Litteratur erwähnt wird. Dies geschah in einem Reisewerk des späteren Schriftstellers Lafleur, der 1797 als Bedienter einer adeligen Herrschaft eine dreitägige Reise nach den sächsischen Sandstein-Gebirgen unternommen und über seine Reiseerlebnisse briefliche Beichte an seine Braut eingesendet hatte. Der Name „Bastei“ war zwar vor hundert Jahren schon im Volksmunde, auch kommt die „Bastey“ schon 1838 in den Akten vor; aber gedruckt wurde der Name erstmalig 1797. Der durch seine geschichtlichen Forschungen bekannte Vorstand des Gebirgsvereins der Sächsischen Schweiz, Herr Prof. Dr. Lehmann, hat nun auf Grund sehr eingehenden Studiums der Akten des Königl. Finanzministerium und der Pirnaer Amtshauptmannschaft eine Geschichte der Bastei verfaßt, die in einer Festschrift erscheinen wird, welche der Basteiwirth, Herr Leuckrodt, anläßlich des Basteijubiläums herauszugeben beabsichtigt. Der sorgsamen Arbeit D. Lehmann´s ist zu entnehmen, daß es bis zum Jahre 1812 auf der Bastei keine Erfrischungsgelegenheit gab. Da kam ein rühriger Fleischhauer in Lohmen, Pietzsch, auf den Gedanken, Lebensmittel auf die Bastei zu schaffen, und das geschah zum ersten Male am ersten Pfingstsonntag 1812; er mußte jedoch, da er dort oben sie nicht unterbringen konnte, täglich von Lohmen hinauf und wieder herunterschaffen. Als er dann zwei Jahre später sich auf der Bastei häuslich eingerichtet hatte, erweckte er den grimmen Brotneid des Erblehnsrichters Schedlich in Rathen, der sich in seiner Gastnahrung benachtheiligt glaubte. (Solcher Brothneid kommt, Gott sei Dank, jetzt in der sächsischen Schweiz, gar nicht mehr vor.) Schedlich setzte es auch glücklich durch, daß dem Pietzsch und der Pietzschin die Schankconcession entzogen wurde und 1820 wurde Schedlich Wirth auf der Bastei. Dem Aufsatze in „Ueber Berg und Thal“ sind drei treffliche Abbildungen der Bastei und ihrer ältesten Anlagen, sowie der Vogelstelle aus dem Jahre 1823 beigegeben, die nach Meister Ludwig Richter´s  Radirungen erzeugt sind. (DN)"

Letztmalig bleiben in der Vorosternzeit heute die Bühnen dunkel:

"K. Hoftheater Altstadt: Geschlossen.
K. Hoftheater Neustadt: Geschlossen.
Residenz-Theater: Geschlossen."

In der Mittelstraße war es in der Nacht zum Freitag taghell. Dort loderten die Flammen:

"In der Nacht zum Charfreitag in der 2. Stunde wurde die Feuerwehr nach dem Grundstück Mittelstraße 2 alarmirt. In einer im Erdgeschoss des Hintergebäudes daselbst befindlichen Lackirerwerkstadt war, wahrscheinlich infolge Selbstentzündung von Ruß, Feuer entstanden und durch dasselbe mehrfacher Schaden an Einrichtungsgegenständen, Waaren, Gebäudetheilen u. s. w. verursacht worden. Bei der Gefährlichkeit des Brandes mußte die Feuerwehr zu seiner schnellen Unterdrückung eine Schlauchleitung von einem Straßenhydranten in Thätigkeit setzen. (DN)"

Frühjahrsputz. Wie wäre es mit etwas ganz modernen Badezimmer:

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Freitag, 16. April 1897

Karfreitag. Aber zumindest am Nachmittag soll der Regen nachlassen, ja vielleicht sogar heiter werden:

"Der 14. April brachte bei wechselnder Bewölkung vereinzelt schwache Niederschläge und eine starke Wärmezunahme. Die Minima stiegen von 0 Gr. (Fichtelberg) bis über 7 Gr. (Bautzen), die Mitteltemperaturen lagen zwischen 11,5 Gr, (Dresden, Leipzig) und 4 Gr. (Fichtelberg), das Maximum betrug 16,7 Gr. (Leipzig). Schneetiefe: Reitzenhain 8 Cmtr., Fichtelberg 30 Cmtr. Zwar erstreckt sich noch immer tiefer Druck von dem Minimum im Nordwesten in südöstlicher Richtung durch den Continent, doch findet von Südwesten her eine starke Zunahme des Luftdrucks statt; auch im Nordosten und Osten lagert fortdauernd hoher Druck. Unter dem Einfluß einer flachen Theildepression über Schesien und Böhmen sowie relativ niedrigen Drucks im Südosten, hat sich bei uns trübes Wetter mit Niederschlägen und abnehmender Temperatur eingestellt, doch ist mit der allmählichen Ausgleichung der Unregelmäßigkeiten im Luftdruck und bei der Ausbreitung des hohen Drucks von Südwesten her wieder auf Besserung der Wetterlage zu hoffen.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 12 Gr. Wärme, niedrigste 8 Gr. Wärme. Vormittags Regen, bedeckt, Nachmittags aufheiternd. Nordwestwind. (DN)"

Bei Königs wurde Gründonnerstag gefeiert:

"Ihre Majestäten der König und die Königin übernachteten von vorgestern zu gestern im Königl. Residenzschlosse. Am gestrigen Gründonnerstag besuchten Vormittags beide Majestäten sowie Ihre Königl. Hoheiten der Prinz und die Frau Prinzessin Friedrich August und der Prinz und die Frau Prinzessin Johann Georg, nachdem Allerhöchst- und Höchstdieselben vorher das heilige Abendmahl empfangen hatten, den Gottesdienst in der katholischen Hofkirche. Nach der Predigt und dem Hochamt nahm Se. Majestät der König mit den Prinzlichen Herrschaften an der Prozession der Uebertragung des Allerheiligsten Theil, welcher feierlichen Handlung Ihre Majestät im Oratorium beiwohnte. Mittags begaben sich beide Königl. Majestäten vom Residenzschlosse, wo Ihre Majestät die Königin zuvor einige Audienzen ertheilt hatte, wieder nach Villa Strehlen. (DN)"

Zu den Beisetzungsfeierlichkeiten in Schwerin wurde Schorsch der Jüngere delegiert:

"Bei der am 21. ds. M. in Ludwigslust erfolgten Beisetzung Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs Friedrich Franz III. von Mecklenburg-Schwerin wird das sächsische Königshaus durch Se. Königl. Hoheit Prinz Johann Georg vertreten sein. (DN)"

Leute, es ist wieder so weit. Wer einen Vogel hat, ich meine solch einen, der denke auch an die dazugehörige Steuer:

"Hier wohnende Personen, welche Nachtigallen halten, haben die festgesetzte Steuer von jährlich 12 Mark für jede Nachtigall auf das 1897 am 1. Mai d. J. im Stadtsteueramte A zu entrichten. Hinterziehung der Steuer werden mit dem dreifachen Betrage derselben geahndet. (DN)"

Die neue Baufluchtlinienverordnung ist ja ganz hübsch, aber es sollte auch dementsprechende Ausnahmen geben:

"Die Festsetzung neuer Baufluchtlinien durch den Rath hat für zu enge Straßen unserer Residenz ihre volle Berechtigung, denn eine Stadt ist nur schön, wenn sei breite Straßen hat, die dem Licht und der Luft ungehindert Zutritt gewähren. Anders liegt jedoch die Sache, wenn die neuen Bestimmungen auf Straßen Anwendung finden, auf denen sie absolut überflüssig ist. So sieht man z. B., daß die beiden Häuser „Am Terrassenufer“ Nr. 10 und 11 wieder durch neuen Anstrich vorgerichtet worden sind, obwohl allgemein bekannt war, daß der Besitzer an Stelle der beiden unscheinbaren Häuser einen Prachtbau setzen wollte, wie solche am Terrassenufer bereits mehrfach vorhanden sind und deren Errichtung jedenfalls im Interesse unserer schönen Stadt sehr erwünscht ist. Soweit wir erfahren haben, kommt nun dieser Bau deshalb vorläufig nicht zur Ausführung, weil dem Besitzer und Bauherrn seitens der Stadt aufgegeben wurde, die Front des Neubaues zwei volle Meter in die jetzige Straßenfluchtlinie einzurücken, so daß das geplante Gebäude rechts und links je einen zwei Meter tiefen Winkel erhalten würde. Jedenfalls würde dieser Zustand auch ziemlich lange dauern, da rechts und links noch ziemlich gute Gebäude stehen, welche jedenfalls noch nicht gleich weggerissen werden. Auf jeder anderen Straße, auf der eine gegenüberliegende Häuserreihe die Breite beengt, würde ein derartiges Verlangen des Rathes zu Dresden richtig sein, doch am freien Elbufer hat man jedenfalls etwas zu weit ausgeholt. Jedenfalls wäre es wünschenswerth, wenn der Rath in ähnlichen Fällen mit den Verhältnissen rechnen und nicht, wie im vorliegenden Falle, nach der Schablone verfahren wollte. (DNN)"

Die ägyptische Finsternis in der König-Johann-Straße ist beseitigt. Eigentlich Schade. Nun sieht man nicht mehr so schön den Funkenflug, wenn sich der Schuh für die elektrische Stromzuführung wieder einmal verklemmt:

"Vorgestern Abend erstrahlte die König- Johannstraße zum ersten Male in elektrischem Licht. 9 Bogenlampen, an geschmackvoll konstruirten Masten angebracht, werden  nun in Zukunft dafür sorgen, daß die König-Johannstraße anderen schon längst mit elektrischer Beleuchtung versehenen Straßen nicht nachstehe. Jetzt werden auf dem Neustädter Markt die eisernen Masten für die elektrischen Bogenlampen aufgestellt. (DN)"

Die Friedhöfe werden nicht beleuchtet, aber auch dort grünt und blüht es:

"Auf allen Dresdner Friedhöfen wie auf denen der Vororte sind jetzt viele Hände damit beschäftigt, die Grabstätten lieber heimgegangener von den Spuren des Winters zu säubern, die Hüllen von den Grabsteinen und Monumenten zu entfernen und die Hügel mit den ersten Gaben des erwachenden Lenzes zu schmücken. Viele der Hügel entbehren zwar der Sorgfalt liebender Hände, aber auch der Vergessenen erbarmt sich Allmutter Natur und sprießendes Grün, bestreut mit Feldblumen, schmückt auch diese. Auch die Todtenbettmeister sorgen durch Entfernen von welken Christbäumchen, Kränzen und dergl. für ein würdiges Aussehen der Gottesacker. (DN)"

In Gittersee wurde bei Bauarbeiten wieder einmal der Überrest der Befreiungskriege gefunden:

"Ein eigenartiger Fund ward in Gittersee gemacht, In einer Tiefe von 1 ¼ Meter stieß man bei Ausschachtungsarbeiten auf einen Sarg, dessen Deckel eingedrückt war. Später fand man ein Gerippe, dessen Knochen gut erhalten waren. Neben dem Gerippe entdeckte man 10 Perlen und ein Amulet. Die Ueberreste dürften von einem Russen herrühren, da sich auf dem Terrain früher ein russisches Lazareth befunden hat. (DN)"

Zum Angenehmeren, auch im Großen Garten wird nunmehr der Winterschutz entfernt:

"Auch der Große Garten rüstet sich für die Osterfeiertage; die Marmor-Statuen und Vasen sind ihrer winterlichen Bretthüllen entkleidet worden. (DN)"

Wie wäre es,, den Osterspaziergang mal nach Schönfeld vorzunehmen:

"Schönfeld bei Pillnitz. Nachdem seit Aufhebung des hiesigen Gerichtsamts unser schönes, althistorisches Schloß, ein Kunstdenkmal deutscher Renaissance, einem zwar langsamen, aber sicheren Verfall geweiht zu sein schien, hat sein jetziger Besitzer, Bankier Gutmann in Dresden, diesem Verwitterungsprozeß ein energisches Halt entgegengestellt. Das Schloß stand bereits Anno 1573, wie aus einer über dem Haupteingang befindlichen Inschrift ersichtlich ist. Doch mag auch dies wohl nur das Jahr eines Umbaues gewesen sein, in welchem es seine derzeitige äußere Gestalt erhielt. – In dem untersten Stockwerk befinden sich wundervolle Kreuzgewölbe, getragen von mächtigen Säulen, in den übrigen Geschossen prächtige Räume, darunter einige mit noch gut erhaltenen Kassettendecken in alter Malerei. – Mannigfachem Wechsel war das Schloß mit Bezug auf seine Besitzer unterworfen. Nach einander gehörte des den Familien Loß, Friesen, Callenberg, Lüttichau und Soms, zeitweise war es kurfürstliches, später königliches Schatullgut. – Napoleon I. lag zur Zeit der Schlacht bei Dresden mit ca. 10.000 Mann kurze Zeit in hiesiger Gegend. Aus all´ den Stürmen und Wechselfällen der Jahrhunderte ist dies Wahrzeichen alter Baukunst in der Hauptsache unversehrt hervorgegangen und es ist darum die von seinem derzeitigen Besitzer vorgenommene Wiederherstellung, streng im Sinne und Stil der alten Zeit, sowie den Formen und Anordnungen der Ueberlieferung entsprechend, mit Freude zu begrüßen. Dank den mit vollem Kunstverständniß entworfenen Plänen des Herrn Architekten Hänichen in Dresden und der sich diesen mit großer Sachkenntniß anschmiegenden Ausführung des Herrn Baumeisters Beeger ist die Wiederherstellung und Neueinrichtung dieses jeden Kunstfreund entzückenden Kleinods als ein durchaus gelungenes Werk zu bezeichnen. (DN)"

Oder zumindest auf den Höhen des Elbhangs. Die Kneipe oberhalb Niederpoyritz nennt sich jetzt Staffelstein:

"Im Anklang an dem von Scheffel so poetisch besungenen Staffelstein hat gleich wegen der wunderbaren Aussicht der Besitzer des Bergrestaurants in Niederpoyritz ebenfalls den Namen Staffelstein beigelegt. Wer dort Einkehr hält, wird hochbefriedigt sein von der schönen Aussicht sowohl wie von dem, was ihm an Speise und Trank von dem aufmerksamen Wirthe geboten wird; es ist daher noch rechtzeitig vor dem Osterfest von diesem Ausflugspunkt Notiz zu nehmen. (DN)"

Dem Omnibusverkehr zwischen der Bergstation der Standseilbahn und Bühlau war zwar nur kurze Dauer beschieden, aber vielleicht kann man sich ja auf ´nen Rollwagen setzen:

"Loschwitz. Die Drahtseilbahn wird demnächst, wenn der Umbau des Plattleithenweges beendet ist, den Güterverkehr aufnehmen. (DNN)"

Im Zoo gibt es, neben des regulären Tierbestandes, auch noch private Karnickel zu sehen:

"Morgen Vormittag 10 Uhr wird im Zoologischen Garten (altes Restaurant) die 6. Große allgemeine Kaninchen-Ausstellung des Kaninchenzüchtervereins von Dresden und Umgegend eröffnet, verbunden mit Prämirung und Verloosung, welch Letztere am Schlußtage der Ausstellung, den 20. April Nachm. 2 Uhr stattfindet. (DNN)"

Noch einmal zum Spezialausschank meiner Lieblingsbiersorte:

"Herr Max Pötsch eröffnet heute in seinem Restaurant „Zum deutschen Krug“, Moritzstraße 19, unter dem Namen „Großpriesener Bierhalle“ einen Specialausschank der Brauerei Großpriesen in Böhmen. Das Bier, ein wunderbarer Stoff, hat sich innerhalb 3 Jahren im ganzen deutschen Vaterlande im Sturm Bahn gebrochen und alle Vorurtheile aus dem Wege geräumt, sodaß man heute die Güte des Bieres anerkennt und den Leistungen dieser Brauerei das wohlverdiente Lob umsomehr gönnt, als die Brauerei eine kerndeutsche ist. Das Großpriesener Bier ist ein reines, gesundes Naturbier, unfiltrirt, 5 Monate in der Brauerei gelagert und wirkt sehr appetitanregend. Außer diesem Bier wird Herr Pötsch in seinen schönen, rauchfreien Localitäten noch mit einem echten Culmbacher, sowie mit einer vorzüglichen warmen und kalten Küche aufwarten, sodaß wird en Besuch dieses Etablissements nur empfehlen können. (DNN)"

Am Ostersonnabend wird noch einmal fast gefastet:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Suppe mit Reisklöschen. Hamburger Rauchfleisch mit Kohlkeimchen. Kalbskoteletten mit Salat. Arme Ritter. – Für einfachere: Milchhirse mit Zucker und Zimmet. (DN)"

Die Theater haben am heutigen Tag wiederum geschlossen:

"K. Hoftheater Altstadt: Geschlossen.
K. Hoftheater Neustadt: Geschlossen.
Residenz-Theater: Geschlossen."

Die Polizei meldet uns:

"Polizeibericht. 15. April. An der Falkenbrücke ist am Dienstag Nachmittag ein 10 ½ Jahre alter Knabe, als er im Spiele seinen Reifen vor sich her trieb, den Pferden eines schwerbeladenen Mörtelwagens zu nahe gekommen, umgerissen und überfahren worden. Der Verunglückte hat verschiedene, nicht ungefährliche Verletzungen erlitten. Nach angelegtem Nothverband wurde er in die Kinderheilanstalt gebracht. – Am Morgen des 4. April d. J. sind aus einer Baustelle an der Hohe- bez. Eisenstuckstraße 4 Stück etwa 40 Centimeter starke und 60 Centimeter hohe Apfel- und Birnenbaumstöcke gestohlen worden. (DN)"

Osterzeit bei Demnitzens:

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Donnerstag, 15. April 1897

Morgen ist Karfreitag und die Wetterlage soll immer noch eine unsichere bleiben. Was wird nun aus dem Osterspaziergang:

"Die Nacht vom 12. zum 13. April brachte überall und zum Theil ziemlich reichen Niederschlag (Altenberg 15 Mm.) und auch am 13. April fanden noch vereinzelt schwache Niederschläge bei fast durchweg trübem Wetter statt. Die Temperatur war wenig verändert; ihre Maxima gingen von 6 Gr. (Dresden) herab bis – 2 Gr. (Fichtelberg), die Mittelwerthe lagen zwischen 8 und 0 Gr. an denselben Stationen und das Maximum betrug wieder 10,6 Gr. (Bautzen). Schneetiefe: Reitzenhain 8, Fichtelberg 30 Cmtr. Von Nordosten nach Südosten breitet sich tiefer Druck aus, dessen Minimum mit 740 Mm. nördlich von Schottland liegt. Hoch ist der Luftdruck andauernd im Nordosten und Osten sowie im Süden. Bei der Unregelmäßigkeit im Verlauf der Isobaren findet eine von Südwesten in Südosten übergehende Luftströmung statt, die an der norwegischen Küste als Südost-Sturm auftritt. In Centraleuropa herrscht vorwiegend trübes, trocknes Wetter mit starker Wärmezunahme, doch bleibt die Wetterlage infolge einer vom südlichen Kanal nach Nordwestdeutschland sich erstreckenden Theildepression noch immer eine unsichere.
Aussichten: Trocken. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 16 Gr. Wärme, niedrigste 6 Gr. Wärme. Vormittags und Mittags bedeckt, Nachmittags bewölkt. Südwind. (DN)"

Bedeckt? Bewölkt? Vielleicht klart es in der Nacht auf? Dann können wir Sternschnuppen beobachten:

"Sternschnuppen sind besonders in den Nächten der Osterwoche sichtbar. Sie gehen vom Bilde der Leyer aus und werden Lyriden genannt. Das Zodiakallicht  kann in den gegenwärtigen Tagen nach Eintritt völliger Nacht im Westen gesehen werden. (DN)"

Der König hat antanzen lassen:

"Se. Majestät der König kam gestern Vormittag halb 11 Uhr von Strehlen in´s Residenzschloß und nahm militärische Meldungen, sowie hiernach die Vorträge der Herren Staatsminister und Departementschefs der Königl. Hofstaaten entgegen. Nachmittags kehrte Se. Majestät nach Villa Strehlen zurück. (DN)"

Das Hofkonzert findet nicht satt:

"Auf allerhöchsten Befehl Sr. Majestät des Königs findet das für Ostermontag den 19. April Abends halb 9 Uhr in Aussicht genommene Hofconcert wegen Ablebens Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs Friedrich Franz III. von Mecklenburg-Schwerin nicht statt. Infolge dessen fallen auch die für diesen Tag angemeldeten Vorstellungen von Damen und Herren vor Ihren Königl. Majestäten und den Prinzen und Prinzessinnen des Königl. Hauses, Königl. Hoheiten, aus. (DN)"

Auch die Hoftrauer wird weiter verlängert:

"Am hiesigen Königl. Hofe wird für Se. Königl. Hoheit den verstorbenen Großherzog Friedrich Franz III. von Mecklenburg-Schwerin Trauer auf die Dauer von 2 Wochen angelegt und zwar von heute bis 28. April. (DN)"

Wir kommen zu den Ereignissen in der Residenzstadt. Zunächst wird über die rege Bautätigkeit berichtet:

"Die Bauthätigkeit ist in diesem Frühjahre wieder recht lebhaft, wie man dies bei einem Rundgange durch die Stadt bemerken kann. Zunächst sind es die Staatsbauten: Der Böhmische Bahnhof, das Polizeigebäude, das Aichamt in Friedrichstadt, das Hauptzollamt am Packhof, das Lehrerinnenseminar an der Marschnerstraße, an denen rüstig gearbeitet wird. Für das neue Landhaus am Schloßplatze ist der Platz bereits durch den Abbruch des alten Finanzministeriums freigelegt. Diese im großen Stile und der Neuzeit und ihren Bedürfnissen entsprechend aufgeführten Bauten beanspruchen noch lange eine große Anzahl von Arbeitern und Bauhandwerkern. Der Umbau an der Brühlschen Terrasse dürfte noch in diesem Sommer vollendet werden, so daß dieser schönste Punkt von Dresden allen Vergnügungsreisenden sich in vollster Schönheit darstellen wird. Sodann sind es auch zahlreiche Privatbauten in den verschiedensten Theilen der Stadt, welche eine große Anzahl Arbeitern erfordern. In den älteren Straßen kommen alte Häuser zum Abbruch, um Neubauten, welche den Anforderungen der Gegenwart entsprechen, Platz zu machen. Vielfach werden in den früheren Gärten Hinterhäuser aufgeführt. Namentlich aber innerhalb der Stadt ist die Bauthätigkeit eine äußerst lebendige. Hier entstehen ganz neue Straßen und Häusercarrés. Es sei nur an die Neubauten am Bönischplatz erinnert, auf dem früheren Grundstücke des Wintergartens. In den Vorstädten sind die Neubauten von einem größeren oder kleineren Garten umgeben. Diese Bauart ist im Interesse der Gesundheit mit Freuden zu begrüßen. Bei der großen Bauthätigkeit sollte man meinen, daß ein Ueberfluß von Wohnungen entstehen müßte, allein die Zahl der leerstehenden Logis ist nur unbedeutend, was sich nur aus dem vermehrten Zuzuge von auswärts erklären läßt. Kaum sind die Wohnhäuser fertig gestellt, so sind sie auch schon größtentheils vermiethet und bezogen. Mangel ist vorhanden an kleineren Arbeiterwohnungen. (DA)"

Auch der äußere Ring beginnt sich zu schließen:

"Mit den Durchbrucharbeiten der Könneritzstraße nach der Ammonstraße ist bereits begonnen worden. Die Wohn- und Wachtgebäude der Laternenwärter sind niedergelegt worden. Jetzt ist mit der Verlegung des Reicker Hauptgasrohres begonnen worden. (DA)"

Eine kurze Notiz zum Stand der Bauarbeiten des Hauptbahnhofes findet sich in den "Dresdner Nachrichten":

"Der Dresdner Centralbahnhof, dessen Hauptfront unter der großen Lauchhammer´schen Kuppel jetzt abgerüstet wird, macht auf den Beschauer in seiner Gesammtheit einen so imposanten Eindruck wie kaum ein zweites Bauwerk dieser Art, und der innere Ausbau wird nun so rüstig gefördert werden, daß die gesammte Betriebsaufnahme, wie geplant, im April nächsten Jahre erfolgen dürfte. (DN)"

Die "Neuesten Nachrichten" berichten ausführlich über die Fertigstellung der Hallen:

"Wie im Juni des Jahres 1895, als die Ueberleitung des gesammten Betriebes vom alten Böhmischen Bahnhofe nach dem neuen interimistischn Bahnhofe an der Bismarckstraße erfolgte, so vollzog sich gestern gewissermaßen der zweite bedeutsame Moment beim Dresdner Bahnhofsneubau: Das letzte Eisenstück wurde an die nun im Eisenrohbau fertiggestellte dritte und letzte Halle des Altstädter Personen-Hauptbahnhofes angefügt. Von der Höhe dieser Halle grüßt seit gestern Mittag die grün-weiße Fahne, die mit einem duftenden Strauß an der Stange geschmückt ist. So ist denn nun der mächtige Eisenbau fertiggestellt, es bedarf nur noch der Bedachung mit Wellblech und der Verglasung und die große wie die zweite kleine Halle stehen bereit zur Aufnahme des Betriebes. In einem Zeitraume von annähernd drei Jahren sind sämmtliche Hallen erstanden und wer das gigantische Eisenwerk betrachtet, der wird sich kaum eine Vorstellung von der Unmasse der Eisentheile machen können, die, aus kleinen und centnerschweren Stücken bestehend, zu dem großen Ganzen vereinigt worden sind. Tausende von Niethen und Nägeln waren erforderlich, diese Theile zusammenzuhalten. Zunächst soll der Betrieb in der großen mittleren Halle aufgenommen werden, dann erst erfolgt die dritte Halle an der Wienerstraße. Auf dem Hochdamme zwischen dem Generaldirectionsgebäude und dem Verwaltungsgebäude an der Strehlenerstraße ist man jetzt mit der Herstellung des Bahnsteigs für den Vorortverkehr und für diejenigen Züge, welche die Halle an der Wienerstraße passiren, beschäftigt. (DNN)"

Der Neubau des Leipziger Bahnhofes, der später den Namen Bahnhof-Neustadt erhalten soll, steht auch kurz bevor, nachdem die Vorarbeiten rüstig in Angriff genommen wurden:

"Der neue Leipziger Bahnhof wird nunmehr mit aller Energie in Angriff genommen, da nach den Bestimmungen des Königl. Finanzministeriums sämmtliche Bahnhofsneubauten an ein und demselben Tage (1. Juli event. 1. Juni) dem Betriebe übergeben werden müssen. Der neue Bahnhof, der zu gleicher Zeit den schlesischen mit in sich aufnimmt, wird an die Stelle kommen, wo sich gegenwärtig die Güterschuppen des schlesischen Bahnhofs befinden. Ein Interimsbau kommt auf die Stelle des bereits niedergelegten Akazienwäldchens zu stehen. Um nach den ausgeführten Grund- und Maurerarbeiten mit den eisernen Ueberbauten für die Unterführungen ohne Zeitverlust beginnen zu können, werden gegenwärtig schon die Lieferungen ausgeschrieben. Es werden dazu verwendet werden: 503 Tonnen Fluß- und Gußeisen, sowie 22 Tonnen Flußstahl. Die Aufstellung dieser Eisenkörper muß in der Zeit von Mitte September bis Ende November 1897 erfolgen. (DNN)"

Eine weitere Halle entstand am Albertplatz. Eine halle für die Radfahrer:

"Auch Dresden-Neustadt erhält in wenigen Tagen eine Radfahrhalle und zwar direct am Albertplatz, Antonstraße 3; sie wird circa 600 Qu-Meter groß und ist Eigenthum des in Radfahrerkreisen als äußerst reell und strebsam bekannten Fachmanns Herrn Ernst Leipold, der seit Jahren ein umfangreiches Fahrradgeschäft mit großer Reparaturwerkstatt in Dresden-N, Bautznerstraße 50 betreibt und schon eine circa 1700 Qu.-Meter große offene Radfahrbahn auf Weißer Hirsch bei Dresden besitzt, welche von Dr. Lahmanns Curgästen überaus stark benutzt wird. Eine überdeckte Radfahrhalle war in der Neustadt ein großes Bedürfniß und wird deshalb von allen Seiten mit Freuden begrüßt. Auf Lager hält Herr Leipold Amerikas erste Marken: Columbus, Columbia, Cleveland Pierce etc., sowie unsere ersten deutschen Marken: Wanderer, Dürkopp, Kayser etc., um allen Anforderungen gerecht zu werden. (DN)"

Wir kommen zum lieben Bier mit dem Feiern eines Jubiläums:

"Zum fünfundzwanzigjährigen Bestehen der Aktiengesellschaft Hofbrauhaus in Cotta-Dresden. Das Bier ist vorzugsweise der Stoff, der den Menschen zum Menschen gesellt, es ist die wahre Mutter der Gemüthlichkeit in Worten und Werken. Der Weinzecher und der Branntweinbruder sind sich mit ihrem Glase selbst genug, der Biertrinker dagegen muß Gesellschaft haben, wenn er rechten Genuß beim Trinken empfinden soll. Der Wein macht zwar witzig, aber Witzköpfe sind oft recht bedenkliche Nachbarn, das Bier hingegen macht für Witz empfänglich, und wer Spaß versteht, mit dem ist immer gut auskommen. Alle diese und noch zahlreiche andere Gründe, namentlich im Hinblick auf den durch Hopfen und Malz, Zucker, Stärke und Eiweiß festgestellten hohen Nährwerth, und die köstliche Erfrischung haben das Bedürfniß nach Bier im kolossalem Maße gesteigert, und als Folge der sprichwörtlichen germanischen Trinkhaftigkeit unzählige Brauereien in allen Gauen Deutschlands entstehen lassen. Wie wenige dieser, namentlich in den letzten Jahrzehnten entstandenen Brauereien haben es aber zu Ansehen und Ehren bringen und ihre Existenzberechtigung in der That nachweisen können? Sonderlich in unserem Sachsen haben wir indeß eine nicht geringe Anzahl vortrefflicher und renommirter Brauereien von bewährtem Rufe zu verzeichnen und in diesen Rang erster vaterländischer Etablissements hat sich auch das Cottaer Hofbrauhaus zu stellen gewußt, sodaß es heute von sich sagen kann: „Nennt man die besten Namen, so wird auch Cotta genannt“. Und doch unter welchem Aufwand von Energie und Intelligenz, von Opfern und Mühen hat es sich zu dieser Stellung emporringen müssen! Empfehlend zur Seite stand dem Aktienunternehmen allerdings die alte, von patriarchalischer Würde getragene Vergangenheit der Firma. Das Hofbrauhaus, früher Churfürstliches Brauhaus, zunächst dem Residenzschloß gelegen, dann, vor mehr als hundert Jahren nach der Amalienstraße verlegt, seit Erzväterzeiten Eigenthum der Familie Hauffe, war aus den Händen des Braumeisters C. O. Hauffe am 15. April 1872 in den Besitz der Aktiengesellschaft übergegangen. Dieser alte, von Generationen geschätzte, gleichsam verbriefte Ruf des ehemaligen Hofbrauhauses war für das neue Unternehmen gewiß eine nicht zu unterschätzende Empfehlung, aber trotz alledem hat die neugegründete Gesellschaft doch tapfer kämpfen müssen, um sich lebensfähig zu erhalten. Mit dem Alten mußte gebrochen, mit dem Neuen gerechnet werden. Namhafte Schwierigkeiten boten sich gleich Anfangs die am 1. Mai 1872 begonnenen Grundgrabungen zu dem Bau einer Malzfabrik mit Brauerei in Cotta, die nur unter den erschwerendsten Umständen durchgeführt werden konnten. Nach Besiegung dieser und anderer zahlreicher Hindernisse konnte endlich Anfangs November 1874 die Mälzerei und am 11. Februar die Brauerei in Cotta in Betrieb gesetzt werden. Damit war zugleich auch die Existenz des Brauhauses auf der Amalienstraße erledigt, das aufgehoben und verkauft wurde. Aber die volle Sonne des Erfolges wollte der Gesellschaft trotz namhafter Errungenschaften doch nicht recht scheinen. Der Bierumsatz im ersten Jahre des Bestehens der Gesellschaft betrug nur 18.000 Hektoliter und konnte während der nächsten zehn Jahre nur bis auf 25.000 Hektoliter gebracht werden. Vom zehnten Jahre ab, mit dem Eintritt des gegenwärtig noch dirgirenden Braumeisters E. Bürstinghaus und der Einführung des Flaschenbiers, begann sich das Unternehmen indeß gewaltig zu erheben. Der Aktiengesellschaft Hofbrauhaus in Cotta gebührt der Ruhm, den glücklichen Gedanken des Bierabsatzes in Flaschen direkt von den Brauereien im großen Stil zuerst verwirklicht zu haben; als derselbe beim Publikum lebhaften Anklang fand, sind andere Gesellschaften erst nachgefolgt. Dazu fand das Bier selbst lebhaften und allgemeinen Anklang, die Vorurtheile, die man lange gegen das Hofbrauhaus gehegt, begannen zu schwinden, das Geschäft stieg empor und heute hat das Cottaer Hofbrauhaus bereits einen jährlichen Umsatz von 125.000 Hektolitern zu verzeichnen! Mit dieser hervorragenden Produktivität, die ein Personal von 250 Köpfen erfordert, ist das Cottaer Hofbrauhaus die viertgrößte Brauerei Sachsens geworden. Infolge dieses bedeutenden Umsatzes genügt die Mälzereianlage, die seinerzeit in der Hauptsache einer Malzfabrik dienen sollte, nicht mehr zur Erzeugung des eigenen Bedarfs an Malz, es mußten vielmehr schon seit geraumer Zeit jährlich noch über 10.000 Centner Malz hinzugekauft werden. Die großen Fortschritte, die das Cottaer Hofbrauhaus im letzten Jahrzehnt gemacht hat, verdankt es nächst seiner tüchtigen Leitung vor allem auch dem Eifer, mit welchem alle Hilfsmittel der Technik dem Unternehmen dienstbar gemacht wurden. Im Jahre 1885 wurde die erste Eismaschine angeschafft (damals die erste in Dresden), und bereits 1889 kam eine zweite solche Kühlmaschine in Aufstellung – beide Maschinen leisten soviel an Kühlung, als mit ungefähr 300.000 Centner Eis erreicht werden würde. Mit dem Steigen des Umsatzes mußten naturgemäß auch die Kellereien erweitert werden und gegenwärtig ist die Gesellschaft wiederum mit der Vergrößerung ihrer Kühlanlagen beschäftigt. Dank dem unermüdlichen Bestreben der Direktoren, auf der Höhe des Fortschritts sich zu behaupten, erfreuen sich die Biere des Cottaer Hofbrauhauses heute des Rufes größter Haltbarkeit, sie sind beliebt und bevorzugt ihres guten Geschmackes wegen und ihrer Wohlbekömmlichkeit. Mit seinen Niederlagen in Leipzig, Chemnitz, Zittau, Ries etc. gerechnet, setzt das Hofbrauhaus heute weit über 13.000.000 Flaschen Bier jährlich um. Die gegenwärtige Rentabilität des Unternehmens dokumentirt sich am besten durch die seit mehreren Jahren stets wachsende Dividende, die im letzten Jahre sich bereits auf 12 Prozent belief. Der Vorstand der Gesellschaft besteht heute aus den Direktoren Herrn C. Seyboth und E. Bürstinghaus, von denen der Erstere als geschäftsführender Direktor seit sechs Jahren, Herr Bürstinghaus, wie bereits erwähnt, als Braumeister und jetzt technischer Direktor seit 1883 fungirt. Jedenfalls darf das heutige 25jährige Jubiläum als ein hervorragender Markstein der Geschichte des Hofbrauhauses gelten, als eine Etappe, von welcher aus die Gesellschaft mit Genugthung und Stolz auf ihre Begründung zurückzublicken berechtigt ist. (DN)"

Das Rätsel ist gelöst, Großpriesener gibt es, nein nicht im Kaufland und anderen Einkaufstempeln - dort erst über 100 Jahre später -, sondern in der Moritzstraße. Also nüscht wie hin:

"Der jetzige Inhaber des deutschen Krugs, Moritzstraße 19, Herr Max Pötsch, eröffnet heute einen Special-Ausschank, in welchem das hier am Platze einen guten Namen habende Bier der Brauerei Großpriesen zum Ausschank kommt. (DN)"

Noch einmal Verkehr. In Schandau liegen schon die ersten Gleise für die neue Straßenbahnverbindung zum Lichtenhainer Wasserfall:

"Der Bau der elektrischen Straßenbahn Schandau – Großer Wasserfall schreitet rüstig vorwärts. Noch in dieser Woche wird die Schienenlegung innerhalb des städtischen Areals beendet. (DN)"

Am morgigen Karfreitag gibt es vor Allem Fisch:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Griessuppe. Karpfen blau mit gefrorenem Meerrettig. Gespickte Kalbsleber mit Rapünzchensalat. Semmelpudding mit Fruchtsaft. – Für einfachere: Sagosuppe. Hecht blau gesotten mit Eiersauce. (DN)"

Und ab heute schweigt auch das Residenztheater:

"K. Hoftheater Altstadt: Geschlossen.
K. Hoftheater Neustadt: Geschlossen.
Residenz-Theater: Geschlossen."

Unterm Georgentore nächtigt es sich gut. Solange die Ordnungshüter die Ruhenden nicht aufschrecken:

"Gestern früh wurden mehrere obdachlose polnische Arbeiter und Frauen hier sistirt, die kein anderes Nachtquartier erwählt hatten als – das Georgenthor. (DN)"

Was meldet uns die Polizei:

"Polizeibericht, 14. April. In ihrer in der Johannstadt gelegenen Wohnung hat sich gestern Nachmittag eine 22 Jahre alte Frau infolge von Schwermuth durch Erhängen den Tod gegeben. – Seit dem 4. Februar d. J. ist ein hier bei seinen Angehörigen wohnender junger Mensch verschwunden. Es wird befürchtet, daß er sich das Leben genommen hat. Der Vermißte ist 15 Jahre alt, hat blondes, kurz geschnittenes Haar, einen Anflug von Schnurrbart, längliches Gesicht. Zuletzt trug er einen braunen Jacketanzug mit fleischfarbigem Futterstoff, braunes Barchenthemd, weißen Kragen und Vorhemdchen, schwarz- und weißkarrirtes Halstuch und Schnürschuhe. (DN)"

Wie gestern schon kurz bemerkt, wurde in Chemnitz, im Zeisigwald, ein furchtbares Verbrechen verübt. Ein sadistisch veranlagter Kindermörder hat zugeschlagen:

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Mittwoch, 14. April 1897

Ostern rückt langsam näher, das Wetter lädt bisher nicht gerade für Osterspaziergänge ein. Aber vielleicht wird es noch:

"Bei trübem, vielfach nebligem Wetter mit zeitweisen Niederschlägen fand am 12. April eine in den tiefen Lagen schwache, im Gebirge stärkere Wärmeabnahme statt. Die Minima lagen zwar ziemlich hoch; sie stiegen von – 1 Gr. (Fichtelberg) bis über + 7 Gr. (Dresden), doch waren die Mitteltemperaturen nur wenig davon verschieden: + 1 Gr. an der Hochstation bis 8 Gr. (Leipzig). Das Maximum betrug gleichfalls nur 10,6 Gr. (Leipzig). Schneetiefe Reitzenhain 8, Fichtelberg 40 Cmtr. Der tiefe Druck im Westen hat zwar etwas an Intensität abgenommen, sich aber über Südwesten bis nach Süddeutschland und Böhmen ausgebreitet, während im Nordosten der hohe Druck fortbesteht, welcher sich nach Nordwesten und Nordosten erstreckt. Die durch diese Druckvertheilung bedingte nordöstliche Strömung ist mit vielfach trübem Wetter und vereinzelten Niederschlägen verbunden; die Temperatur zeigt nur geringe Änderungen. Der unregelmäßige Verlauf der Isobaren läßt auf das Vorhandensein von Theildepressionen schließen und somit wenig Aussicht auf Besserung der Wetterlage zu.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 9,5 Gr. Wärme, niedrigste 5 Gr. Wärme. Bedeckt. Nordwind. (DN)"

Man weiß, Schuhwerk ist teuer. Aber für das Barfußlaufen der Kinder ist es noch ein wenig zu früh:

"Kaum zeigt das Thermometer einige Wärmegrade, so sieht man auch die „Barfüßler“ erscheinen. Es möchte aber den Eltern dringend anzurathen sein, die Kinder nicht zu früh die „sommerliche Tracht“ anlegen zu lassen. Gerade die jetziger Jahreszeit legt leicht den Keim zu Krankheiten in unseren Körper. (DNN)"

Königs sind wieder zu Hause:

"Ihre Majestäten der König und die Königin sind gestern Vormittag nach halb 11 Uhr aus Baden-Baden wohlbehalten hier wieder eingetroffen und haben in der Königl. Villa Strehlen Wohnung genommen. Im Gefolge befanden sich: Ihre Excellenz die Frau Oberhofmeisterin v. Pflugk, Hofdame Gräfin Reuttner v. Weyl, Oberhofmeister v. Malortie, Flügeladjutant Major v. Larisch, Oberstabsarzt Dr. Selle und Legationssekretär v. Nostitz-Dzrewiecki. In Baden-Baden waren in den letzten Tagen mehrfach Einladungen zur Königl. Tafel ergangen und zwar am 8. April an den Königl. sächsischen Oberschenk Grafen Einsiedel und Frau Brumm nebst Tochter, am 10. April an den General der Infanterie z. D. v. Schlichting, Excellenz, den Geh. Kommerzienrath Krupp und den Obersten z. D. v. Polenz, sowie Tags darauf an den Professor der Universität Leipzig, Geh. Hofrath Dr. Binding. Obwohl das Wetter in letzter Zeit kühl und regnerisch war, unternahmen Ihre Majestäten, welche sich während des Aufenthalts in Baden-Baden des besten Wohlbefindens erfreuten, doch täglich Ausflüge zu Fuße und zu Wagen in die reizvolle Umgebung des schönen Badeortes. (DN)"

Über die bevorstehende Fahrt des Königs nach Leipzig wird uns berichtet:

"Bei Ankunft Sr. Majestät des Königs zur Eröffnung der Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbeausstellung in Leipzig wird auf dem Bahnhof auch militärischerseits großer Empfang stattfinden. Es wird infolgedessen vor dem Gebäude des Dresdner Bahnhofs eine Ehrenkompagnie aufgestellt sein und ein Schwadron des Ulanenregiments Nr. 18 als Ehreneskorte in dem nach dem Ausstellungsplatz sich bewegenden Zuge, und zwar zur Hälfte unmittelbar hinter dem Wagen Sr. Majestät des Königs reiten. Den Rückweg vom Ausstellungsplatz nach dem Bahnhof wird  der Königl. Wagenzug durch die Carl-Tauchnitz-Straße und die südliche und östliche Promenade nehmen, so daß hierbei die Straßen der inneren Stadt nicht berührt werden. (DN)"

Außerdem hat sich das Kammerherrnkarussell wieder gedreht:

"Den Kammerherrndienst bei Sr. Majestät dem König hat auf die Zeit bis mit 19. April der Königl. Kammerherr Freiherr v. Kalitzsch übernommen. (DN)"

Interessant sind die ersten Tagesordnungspunkte der letzten Gesamtratssitzung:

"Mittheilungen aus der Gesammtrathssitzung. Vom Rathe war mit Zustimmung der Stadtverordneten beschlossen worden, die Verwaltungsordnung für das Duckwitz-Haus dahin abzuändern, daß die Pfründer nicht mehr Naturalverpflegung, sondern wie im Bürgerhospitale Unterhaltungskosten im baaren Gelde erhalten sollen. Der demgemäß aufgestellte Nachtrag war vom Königl. Ministerium des Innern nicht genehmigt worden. – Im Zusammenhange mit der Errichtung einer Markthalle an der Ritterstraße in Neustadt war die Errichtung eines Kopfbaues an der Hauptstraße für Verwaltungszwecke und zur theilweisen Vermiethung  und eines Kopfbaues an der König Albert-Straße zur Vermiethung für die Zwecke eines Postamtes geplant. Nachdem die Verhandlungen mit der Kaiserlichen Oberpostdirektion nicht zum Abschlusse eines Miethvertrages geführt haben, ist eine anderweite Planung entworfen worden, nach welcher in etwas veränderter Weise nur die Markthalle und der Kopfbau an der Hauptstraße zur Ausführung kommen sollen. Die Kosten der ersteren sind auf rund 583.000 Mk., die des letzteren auf rund 417.000 Mk. veranschlagt. Der Rath genehmigte die vorliegende Planung, bewilligt den erforderlichen Aufwand von rund einer Million Mark zu Lasten der Anleihe und beschließt, den 700 Quadratmeter großen Bauplatz für den Kopfbau an der König Albert-Straße zu veräußern. – Die seit 30 Jahren im Betriebe befindliche Heizungsanlage der ersten Bezirksschule hat in den letzten Jahren mehrfach zu Klagen Anlaß gegeben; im verflossenen Winter haben sich die Uebelstände, namentlich das Uebertreten der Rauchgase in die Schulzimmer, in erhöhtem Maße gezeigt, sodaß der Schulausschuß sich veranlaßt gesehen hat, eine Erneuerung der Heizungsanlage zu beantragen. Die auf 37.830 Mk. veranschlagten Kosten werden bewilligt. … (DN)"

In Reick werden neue Häuser bestaunt:

"Reick. Ein großer Häuserkomplex fesselt jetzt die Blicke der Besucher. Er wird von einer neuerbauten Fabrik photographischer Apparate des Herrn Emil Wünsche, einer bestens bekannten Dresdner Firma, und den Beamten- und Arbeiterhäusern gebildet. Der energischen Thätigkeit des Herrn Baumeisters Beeger-Niedersedlitz ist es zu danken, daß die Bauten in so kurzer Zeit errichtet worden sind. (DA)"

Die Feuerwehr trompetet nicht mehr, zumindest bei kleineren Bränden, sie pfeift. Hoffentlich nicht auf dem letzten Loch:

"Im Hofe des Altstädter Feuerwehr-Depots, Annenstraße, wurde am Montag Vormittag eine interessante Uebung abgehalten. Es handelt sich um Uebertragung von Dienstsignalen durch aufgestellte Postenkette mittelst der jetzt in den Händen aller Wehrmänner befindlichen zweitönigen Mundpfeife. Als Brandobjekt war das (alte) Hauptgebäude in Betracht genommen und mehrere Schlauchleitungen in dasselbe verlegt worden. Alle zur Ausführung kommende Dienstsignale von „Wasser Marsch“, „Wasser Halt“, „Schlauch zurück“ bis zum letzten im höchsten Nothfall gegebenen Signal („Rette sich, wer kann“) wurden durchaus exakt abgegeben. Letzteres Signal, auf welches hin Alles selbst unter Preisgabe des Schlauchmaterials etc. den Brandplatz zu verlassen hat, wurde – wie wenig bekannt sein dürfte – anläßlich des Kreuzkirchenbrandes zum ersten Male seit Bestehen der Dresdner Berufsfeuerwehr geblasen (Hornsignal), und hatte die rechtzeitige Abgabe desselben einen bedeutenden Antheil an der Sicherung der auf dem Dache arbeitenden Mannschaften. Die erwähnten Mundpfeifen besitzen einen weit vernehmbaren grellen Ton und dürften um Vieles wirksamer sich erweisen als die noch bei den Freiwilligen Wehren im Dienste befindlichen messingenen (ebenfalls zweitönigen) „Hupen“. Allerdings bei ausgedehnten Bränden wird unbedingt das Hornsignal angewendet werden müssen. Nun, auch in diesem Genre besitzt unsere Feuerwehr in ehemaligen gedienten Hornisten recht zahlreiche und gute Bläser. (DN)"

Noch ein Versuch die lästige Oberleitung der Straßenbahn verschwinden zu lassen. Mal sehen, ob das besser funktioniert als die unterirdische Stromzuführung. Schön geredet wird es ja erst einmal:

"Die gelbe Straßenbahn hat dieser Tage auf der Blasewitzer Linie Versuche mit einer neuen Art elektrischer Akkumulatoren gemacht, welche bedeutend weniger in´s Gewicht fallen und eine Stromfülle enthalten, deren Kraft 10 bis 12 Stunden aushält. Damit wäre allerdings ein großer Fortschritt bei diesen Zukunftsmotoren gemacht und die leidige, vielbekämpfte Ober- und Unterleitungsfrage auf´s Beste gelöst. (DN)"

Ohne Strom kommt der Drahtesel aus und zur Förderung des Radfahrsports hat die Dampfschifffahrts-Gesellschaft etwas Angenehmes geschaffen - eine Preissenkung:

"Vom 15. d. M. ab tritt bei der sächsisch-böhmischen  Dampfschifffahrts-Gesellschaft eine wesentliche Ermäßigung für die Beförderung von Fahrrädern als Passagiergut ein, worauf die Interessentenkreise besonders aufmerksam gemacht werden. (DA)"

Mit Pferdekraft bewegen sich die Droschken, deren Edelstücke auf dem Neumarkt begutachtet werden:

"Seit mehreren Tagen finden an der Frauenkirche Besichtigungen von Droschken erster Klasse statt, unter denen sich infolge eingetretener Vermehrung ganz neue Wagen befinden. (DN)"

Noch ist der Bahnhof Wettiner Straße noch nicht geöffnet, aber die Wirtschaft in diesem wurde verpachtet:

"Die Bewirthschaftung des Wettiner Bahnhofs an der Jahnstraße übernimmt der bisherige Direktor des Musenhauses in Dresden, Herr Köhler. Die Bewerber um den Pacht des Restaurationsbetriebs ließen ihre Gebote zwischen 2000 und 12.000 Mk. jährlich schwanken. Da vorschriftsgemäß die gesammte Heizung der Räume mittels Niederdruckdampfheizung und die Kochapparate  sämmtlich mit Gaseinrichtung versehen werden müssen, so ist der Regieaufwand bedeutend. Dieser Umstand mag wohl auch die maßgebende behördliche Stelle veranlaßt haben, nicht das Höchstgebot zu berücksichtigen, sondern das Angebot von 8000 Mk. Pacht jährlich anzunehmen. (DN)"

Dort gibt es dann sicher auch Dresdner Kümmel:

"Dresdner Getreidekümmel, das bekannte und beliebte Destillat der Liquerfabrik von Schilling & Körner, große Brüdergasse 16, sei hiermit bestens empfohlen. Originalflasche 125 Pfg. incl. Glas. (DN)"

Weil wir gerade bei der Sauferei sind. Wohl nur mit entsprechendem Alkoholpegel ist der Abriss des alten Boxbergschen Palais zu ertragen und, es sei schon gesagt, das im Fassadenschmuck völlig überladene Gebäude, was dann auf diesem Areal entstehen soll, braucht noch mehr Stärke. Dachte sich auch dieser findige Geschäftsmann:

"Einen sehr feinen Portwein kauft man die Flasche nur 1,20 Mk. bei Carl Bahmann, Waisenhausstraße 9, gegenüber der Abbruchstelle. (DN)"

Was gibt es am morgigen Gründonnerstag:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Spargelsuppe. Gebackenen Schellfisch mit Citrone. Gebratene Wildente mit Salat. Rahm-Auflauf. – Für einfachere: Kalbsgekröse mit Haushofmeistersauce. (DN)"

Im Theaterprogramm gibt es keine Änderung:

"K. Hoftheater Altstadt: Geschlossen.
K. Hoftheater Neustadt: Geschlossen.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: ´s Nullerl"

Das Wasser des Zirkus wurde abgelassen und forderte bedauerlicherweise ein Todesopfer:

"Ein bedauerlicher Unglücksfall ereignete sich gestern Abend kurz nach 11 Uhr am Fluthcanalbau in der Nähe des Circus. Als von dort das bei der Wasserpantomime verwendete Wasser abgelassen worden war, staute dasselbe im Canal und hat unterhalb der durchaus soliden Schalung Durchlaß gefunden. Das aus reinem Sand bestehende Erdreich ist hierdurch außerhalb des Canals weggewaschen weggewaschen worden und plötzlich in größerer Menge zusammengesunken. Zwei Wächter standen zu diesem Zeitpunkte oben am Rande des Canals und beobachteten die Stauung des Wassers, als der Boden unter ihren Füßen wich und sie hinabsanken. Der Eine wurde nicht ganz mit hinabgezogen und konnte gerettet werden, während der Andere trotz rastloser Bemühungen der von allen drei Hauptwachen ausgerückten Feuerwehr nur als Leiche aus den Sandmassen herausbefördert werden konnte; der Tod ist jedenfalls sehr rasch durch Ersticken eingetreten. (DNN)"

Der amtliche Polizeibericht lässt auch nicht lange warten:

"Polizeibericht. 13. April. Unweit des Wasserbauhofes an der Moritzburgerstraße wurde heute früh der Leichnam eines Mannes aus dem Elbstrom gezogen. Der Todte ist wahrscheinlich der seit dem 9. März d. J. aus Krippen verschwundene 55 Jahre alte Fährmeister. – Eine etwa 35 Jahre alte, dem Arbeiterstand angehörige Frau hat sich in letzter Zeit wiederholt in Produktengeschäften der Johannstadt Waaren erschwindelt. Beim Einkaufen hat sie gewöhnlich erzählt, daß sie erst jetzt zugezogen sei, und wenn es zum Bezahlen kommen sollte, hat sie angegeben, daß sie ihr Portemonnaie vergessen habe. In zwei Fällen hat sie Schlüssel als Pfand zurückgelassen. Einmal hat sie sich Richter genannt, ein anderes Mal ist sie in Begleitung eines kleinen Kindes gewesen. – Ein sog. Einmietherdieb, der sich in beliebigen Wohnungen einmiethet und dann unter Mitnahme von allen möglichen Gegenständen sich heimlich wieder entfernt, treibt seit einiger Zeit sein Unwesen in hiesiger Stadt. Dieser unbekannte Mann hat sich Dr. Arten, Dr. Brotitzsch und Dr. Lehmann genannt und bei den jeweiligen Quartiergebern angegeben, daß er als Assistenzarzt bei einem hiesigen Arzte thätig sei. Beschrieben wird er wie folgt: er ist 26 bis 28 Jahre alt, 170 bis 175 Centimeter groß, trägt dunkelblonden Schnurbart, hat dunkelblonde kurzgeschnittene Haare und spricht preußischen Dialekt. Er tritt sehr gewandt auf. Wenn die vorstehend beschriebene Person wieder an irgend einer Stelle auftauchen sollte, so bittet man sie auf geeignete Weise festzuhalten und der Polizei zu übergeben. – Am 9. April d. J. ist ein vor dem Hause Nr. 18 an der Kreuzkirche aufgestellter Pneumatikrover (Wanderer) Nr. 12744, schwarz emaillirt und vernickelt, Lenkstange mit Korkgriffen und weißer Einfassung, gestohlen worden. (DN)"

Hauptgespräch ist aber eine entsetzliche Mordtat in Chemnitz. Dazu aber morgen.
Nein, für was man nicht alles einsitzen kann:

"Amtsgericht. Der noch nicht 18jährige Arbeiter Friedrich Albert Bachmann, bereits mehrfach vorbestraft, wurde wegen Bettelns, Verübung groben Unfugs, Beamtenbeleidigung und Widerstands zu Monaten Gefängniß und 3 Wochen Haft verurtheilt. – Unter Ausschluß der Oeffentlichkeit wurde gegen den Restaurateur Ewald Kühnel, 1864 geboren, verhandelt, der sich des Vergehens gegen § 184 des Reichsstrafgesetzbuches (Verbreitung unzüchtiger Darstellungen) mit vier anderen bereits am 30. März abgeurtheilten Angeklagten zu verantworten hatte. Kühnel gab im Herbst vorigen Jahres seinen Schwager Ehlich den Auftrag, den Kaufmann Rudolph zu bestimmen, 2000 Tabaksbeutel bei ihm (Ehlich) anfertigen zu lassen, die alsdann nach Oesterreich befördert werden sollten; eine Angabe, welche von dem Gericht strak bezweifelt wurde, da K. 50.000 Stück anfertigen ließ, welche auch hier Verbreitung fanden. Ueberdies war zwischen Kühnel und dem sog. österreichischen Handelsmann kein Geschäftsvertrag abgeschlossen worden. Der Angeklagte wurde zu einer Gefängnißstrafe von 2 Monaten verurtheilt. – Kaufmann Emil Otto Klein, Inhaber einer Schmuckfederfabrik, machte sich einer Uebertretung des § 136 der Reichsgewerbeordnung schuldig, indem er einer 16jährigen Arbeiterin bei täglicher Arbeitszeit von 6 Stunden statt der vorgeschriebenen Frühstücks- und Vesperpause von je einer halben Stunde nur eine Viertelstunde gewährte. Für diese Uebertretung muß der Angeklagte eine Ordnungsstrafe von 5 Mk. entrichten. (DN)"

Wie wäre es mit ´nem Entspannungsbad inklusive Massage:

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Dienstag, 13. April 1897

Und wieder soll der Himmel seine Schleusen öffnen:

Bis auf vereinzelte Niederschläge herrschte auch am 11. April in Sachsen vorwiegend heiteres, trocknes, Nachts kühles, am Tage warmes Wetter. Die Minima der Temperatur gingen von + 3 Gr. (Bautzen) herab bis – 3 Gr. (Reitzenhain, Fichtelberg) und waren besonders in den höheren Lagen ziemlich ähnlich denen an den tiefer gelegenen Stationen; das Maximum betrug 14,4 Gr. (Leipzig, Chemnitz). Schneetiefe: Reitzenhain 8, Fichtelberg 40 Cmtr. Das Maximum des Luftdrucks im Nordosten hat noch weiter an Intensität gewonnen und breitet sich von ihm fortdauernd hoher Druck in südwestlicher Richtung aus, doch ist der Luftdruck im centralen Continent gegen die Vortage etwas zurückgegangen. Die Depression im Südosten  besteht ziemlich unverändert fort (Lemberg 755 Mm.), eine neue tiefe unter 750 Mm. ist auf Irland erschienen und lenkt bereits die Winde in der westlichen Hälfte des Witterungsgebietes vom Festlande ab. Bei uns hat sich unter dem Einfluß des südwestlichen Minimums eine nordwestliche Strömung mit zunehmender Bewölkung und nebligem Wetter eingestellt und dürfte auch solange anhalten, als diese Einwirkung fortbesteht.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 9 Gr. Wärme, niedrigste 7 Gr. Wärme. Bedeckt, regnerisch. Nordwind. (DN)

Die letzte Meldung aus Baden-Baden:

"Se. Majestät der König hat sich gestern Vormittag von Baden-Baden zum Besuch der Frau Herzogin Amalie von Urach, geb. Herzogin in Bayern, Königl. Hoheit, nach Stuttgart begeben. Von Stuttgart reiste Se. Majestät Nachmittags 6 Uhr 10 Min. nach Friedrichsfeld, um daselbst mit Ihrer Majestät der Königin zur gemeinsamen Rückreise nach Dresden zusammenzutreffen. Die Ankunft hierselbst erfolgt, wie bereits mitgetheilt, heute Vormittag 10 Uhr 15 Min. (DN)"

Eine Musik wurde den Beiden auch noch geboten:

"Ihren Majestäten dem König und der Königin ward am Freitag Mittag in Baden-Baden von der Kapelle des in Straßburg garnisonirenden Königl. Sächs. Infanterie-Regiments N. 105 eine musikalische Huldigung dargebracht. Die Kapelle trug auf der Terrasse des Hotels „Europäischer Hof“ einige Concertstücke vor, für welche der Monarch in gnädigen Worten seine Anerkennung aussprach. Am Abend beehrte Se. Majestät der König das 10. Abonnementsconcert im Theater mit seinem Besuche vom Beginn bis zum Schlusse und betheiligte sich wiederholt an den Beifallskundgebungen für die mitwirkenden Künstle. Das städtische Kur-Orchester leitete Kapellmeister Hein, die Solisten waren Frl. Pauline Mailbac, großherzoglich badische Kammersängerin und Professor Julius Kienzel, de berühmte Cellovirtuos aus Leipzig. (DN)"

Der Hauptmann der heiligen Hermandat ist auch wieder im Lande:

"Wegen Umbaues der Heizungsanlagen in der Annenschule werden die diesjährigen Sommerferien wesentlich verlängert. (DN)"

Über die nächste Nachricht werden sich Schulkinder nämlicher Anstalt sicherlich richtig ärgern und in Tränenausbrüche verfallen:

"Wegen Umbaues der Heizungsanlagen in der Annenschule werden die diesjährigen Sommerferien wesentlich verlängert. (DN)"

Gerade zur rechten Zeit kommt dieses Legat:

"Der Jacobi-Kirchgemeinde ist von de am 8. October 1896 verstorbenen Frau Johann Karoline verwittwete Behannek ein Grablegat von 6000 Mk. letztwillig zugewandt worden. (DA)"

Leute, es muss nicht immer der Weiße Hirsch sein, man kann gehobenes Leben auch auf dem Wilden Mann genießen:

"In Dresdens unmittelbarer schönen Umgebung wird eine Gegend verhältnißmäßig viel zu wenig beachtet. Wir meinen Trachenberge und Trachau-Wilder Mann. Wegen ihrer bevorzugten ruhigen Lage in allernächster Nähe Dresdens, in kurzer Zeit sogar zum Theil zu unserer Stadt gehörig, einet sie sich nicht nur ganz besonders als Sommerfische, sondern auch als ständiger Wohnsitz für Solche, welche in staubiger Stadtluft den ganzen Tag über im Zimmer thätig sein müssen. Die vorgelagerten Höhenzüge mit sich unmittelbar daran anschließenden Kiefernwaldungen bieten einen vollkommenen Schutz gegen die scharfen Nord- und Ostwinde. Nach allen Richtungen hin lassen sich herrliche Spaziergänge unternehmen. Auch für gute Bewirthung im Gasthause „Wilder Mann“, wo auch öfters Concerte stattfinden, sowie im Restaurant „Wettinschlößchen“ u. s. w. ist bestens gesorgt. Die Verbindung mit der Residenz ist mit der rothen Pferdebahn (10-Minuten-Betrieb) coulant hergestellt. Ständige und Sommerwohnungen sind genügend vorhanden und werden in den obenerwähnten Restaurants nachgewiesen. Nach Alledem ist diese Gegend für Erholungsbedürftige wie geschaffen und bestens zu empfehlen. (DN)"

Wir kommen in die Sächsische Schweiz. Die Poststelle auf der Bastei öffnet wieder pünktlich zum Saisonbeginn:

"Die Postagentur mit Telegraphenbetrieb auf der Bastei (Sächsische Schweiz) wird für die Dauer der diesjährigen Reisezeit – vom 1. Mai an – wieder in Wirksamkeit treten. Die Verkehrsanstalt erhält Verbindung mit dem Postamte in Wehlen durch Botenposten. (DA)"

Und auch diese Meldung aus selbiger Region ist lesenswert:

"Aus der Sächsischen Schweiz. Auf dem bei Königstein gelegenen wildromantischen Pfaffenstein wurden bekanntlich im Laufe des vergangenen Jahres hochinteressante prähistorische Funde gemacht, welche Aufschluß über die Vergangenheit des zerklüfteten Felsen geben und durch welche der Beweis erbracht wurde, daß die Bergkronen unserer Sächsischen Schweiz auch in vorsündfluthlicher Zeit bewohnt gewesen sind. In der Hauptsache handelt es sich um ca. 2000 Jahre alte Urnenscherben, welche im königlichen prähistorischen Museum zu Dresden durch Herrn Dr. Deichmüller zusammengelegt wurden und im Laufe dieser Woche nunmehr in dem reizend gelegenen Bergrestaurant in einem Schranke aufgestellt werden sollen. Uebrigens wurden im letzten Winter auf dem Felsenkoloß zahleiche eiserne Geländer, neue Brücken etc. angebracht, wodurch sich besonders die rührige Section Königstein des Gebirgsvereins für die Sächsisch-Böhmische Schweiz große Verdienste erworben hat. (DNN)"

Zurück in Dresden, wo eine Kneipe aufgehübscht wurde:

"Das Grundstück Markgrafenstraße 17 ist durch Kauf in den Besitz des Herrn Paul Barthel übergegangen, welcher das in demselben befindliche Restaurant der Neuzeit entsprechend renovirt und Dienstag den 13. d. M. neu eröffnen wird. Herr Barthel hat es an nichts fehlen lassen, die Localitäten seinen Gästen so angenehm wie möglich zu machen und bringt nur die feinsten Biere aus ersten Brauereien zum Ausschank. Für gute warme und kalte Küche ist bestens gesorgt. (DNN)"

Da kriegt man ja gleich Durst und Hunger. Was gibt es morgen bei uns:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Grüne Suppe. Kalbskoteletten mit Spargel. Gebratene Rehschulter mit Salat. Portugieser Reis. – Für einfachere: Gehackte Schweinskoteletten mit Sauerkraut. (DN)"

Das noch spielende Theater bringt wieder die Nullnummer:

"K. Hoftheater Altstadt: Geschlossen.
K. Hoftheater Neustadt: Geschlossen.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: ´s Nullerl."

Zum Schlusse noch der amtliche Polizeibericht:

"Polizeibericht. Am 7. d. M. ist aus der Hausflur eines Hauses am Georgplatz ein Zweirad, Pneumatik-Rover, Fabrikat: Winkelhofe u. Jänicke, Chemnitz, mit schwarz lackirtem Gestell und Kreuzspeichen, einer zerbrochenen Feder des Sattels und verbogenem linken Pedale, sowie Namensschilde: „Gustav Schönfelder, Schlossermeister, Radeburger Straße 56“ gestohlen worden. – In der Nacht zum 8. d. M. sind hier mittels Einbruch mehrere Hundert Mark baares Geld, darunter 20 Mk. neue Pfennige, zwei schwarze Herrenregenschirme, drei Paar Gummihosenträger, vier bis sechs Stück weiße Oberhemden mit gesticktem Latz, vier bis sechs Dutzend weiße Taschentücher, gesäumt, zwei Knabenblusen, drei Kopftücher und eine Partie Knabenhemden und Normalwäsche gestohlen worden. Der Bestohlene hat für die Ermittelung des Diebes eventuell Wiedererlangung der gestohlenen Gegenstände eine Belohnung von 50 Mk. ausgesetzt. Darauf bezügliche Mittheilungen nimmt die hiesige Kriminalabtheilung entgegen. (DA)"

"Doch an Blumen fehlt´s im Revier, da nimmt man ..."

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Montag, 12. April 1897

Am heutigen Montag in der Karwoche ist die Zeitung wieder einmal sehr dünn. Kein Wetter und "wichtige Meldungen" nur aus dem Königshause:

"Die Rückkehr Ihrer Majestäten des Königs und der Königin aus Baden-Baden erfolgt morgen Vormittag 10 Uhr 15 Min. auf dem Leipziger Bahnhof. Von dort begeben sich Ihre Majestäten in die Villa Strehlen. (DN)"

Außerdem wird gemeldet:

"Bei Ihren Königl. Hoheiten Prinz und Prinzeß Johann Georg fand gestern Nachmittag 6 Uhr im Palais auf der Parkstraße Tafel statt, an der Ihre Königl. Hoheiten Prinz und Prinzeß Friedrich August theilnahmen. (DN)"

In der Karwoche schweigen traditionell die Königlichen Bühnen, nur im Residenztheater gibt es die Nullnummer:

"K. Hoftheater Altstadt: Geschlossen.
K. Hoftheater Neustadt: Geschlossen.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: ´s Nullerl."

Hungern müssen wir in dieser Woche aber nicht. Morgen gibt es:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Reissuppe. Feines Muschelragout. Rinderbraten mit Salat und Kohlkeimchen. Linzertorte. – Für einfachere: Rindfleisch mit Nudeln. (DN)"

Hätten wir nicht unseren Onkel Schnörke, so wäre die Presseschau schon wieder zu Ende:

"Briefkasten.

*** L. F. „Kaum daß der Himmel seine Schleusen einige Stunden geschlossen hat, sieht man heute am 3. April Nachmittags wieder Turbinen-Sprengwagen auf den Straßen. Ist es nicht geradezu empörend. Daß man die kaum trocken gewordenen Fahrstraßen eines wenig Staub halber mit solchen Wassermassen, die diese Turbinen speien, überfluthet? Würdest Du, lieber Onkel, die Antonstraße heute Nachmittag gesehen haben, sie diese förmlich schwamm, so müßtest Du mein etwas erregtes Scheiben gewiß billigen. Nicht nur im Interesse eines jeden Passanten allein, sondern auch mit Rücksicht auf das Lastfuhrwerk müßte dieser Unsitte gesteuert werden. Was sagst Du dazu?“ – Ich meine: lieber ein wenig zu naß, als trocken und staubig. Mit dem Theesiebchen kann man Staub nicht löschen.

*** H. L. „Giebt es für berufsunfähige Männer, die zwar faul und verschwenderisch sind, aber doch Schlechtes nicht begangen haben, Anstalten, in denen Aufsicht geführt und zu nützlicher Beschäftigung igend einer Art angehalten wird?“ – Gewisse Bezirksanstalten ( wie z. B. im amtshauptmannschaftlichen Bezirke Dresden-Neustadt in Leuben) würden sich unter Umständen zur Unterbringung eignen, vorausgesetzt, daß der Unterzubringende bezirksangehörig ist. Näheres bei der Königl. Amtshauptmannschaft.

*** H. Reinstein, Oberrothenbach. „In unserem Orte ist der Ortspolizeidiener, der gleichzeitig den Nachtwächterdienst mit hat, erkrankt, mithin ist eine Aufforderung des Gemeindevorstands gestellt worden, daß sämmtliche Gemeindemitglieder reihum, bis derselbe wieder gesund ist, den Nachtwächterposten vertreten sollen. Auch ich wurde heute, am 10. März aufgefordert, einen Nachtwächterposten auszuführen, habe jedoch solches abgelehnt, da ich eine jährliche Gemeindesteuer von über 200 Mk. bezahle. Bin ich denn dazu befugt, den Nachwächter zu machen, und kann ich infolge meiner Ablehnung von der Gemeinde bestraft werden, oder können dieselben auf meine Kosten einen anderen Mann stellen?“ – Die einschlagenden Bestimmungen von § 24 der revid. Landgemeinde-Ordnung lauten wörtlich, wie folgt: Persönliche Dienste sowohl wie Naturalleistungen können, erstere, soweit sie nicht besondere Befähigungen voraussetzen, zwar gefordert werden, doch sind selbige in Geld abzuschätzen und nach dem Maßstab der Gemeindeanlage zu vertheilen. Mit Ausnahme von dringenden Nothfällen können die persönlichen Dienste und Naturalleistungen durch tüchtige Stellvertreter geleistet oder nach der Abschätzung an die Gemeindekasse vergütet werden. Bei persönlichen Diensten im Interesse der Ortssicherheit kann die Stellvertretung, sowie Geldzahlung ausgeschlossen werden. (alles DN)"

Langsam kann man ja auch schon an die Gartensaison denken:

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Sonntag, 11. April 1897

Heiteres Wetter mit Frühlingstemperaturen, was will man mehr. Hoffentlich hält es zumindest noch den ganzen Sonntag an:

"Der 9. April war ein durchweg trockner, heiterer und warmer Tag. Nachtfrost trat nur im Gebirge und in der südlichen Lausitz ein. Die Minima der Temperatur lagen zwischen 5 Gr. (Leipzig) und – 1 Gr. (Reitzenhain, Fichtelberg), die Mittelwerthe betrugen 9 Gr. (Leipzig, Colditz) bis 2 Gr. (Fichtelberg) und im Maximum wurden 13,9 Gr. (Leipzig) erreicht. Schneetiefen: Reitzenhain 9, Fichtelberg 40 Cmtr. Ueber der Nordsee breitet sich tiefer Druck aus, welcher außer einem Minimum unter 760 Mm. an der Südwestspitze von Norwegen noch eine flache Depression in den Niederlanden umschließt, deren Wirkung sich bereits über Westdeutschland bemerklich macht. Auch im Südosten hat sich ein schwaches Minimum gelagert, sodaß der Druck, welcher noch immer von Nordosten (Petersburg 755Mm.) nach Südwesten (Clermont 767 Mm.) verläuft, von beiden Seiten durch Depressionsgebiete eingeschlossen wird. Im Westen hat dagegen auf Irland eine Zunahme des Luftdrucks um 10 Mm. stattgefunden und erreicht derselbe dort 770 Mm. Innerhalb des Hochdruckgebietes herrscht auf dem Kontinent anhaltend ruhiges, bei uns am Morgen nebliges, kühles Wetter, doch hat unter Rascher Aufklarung abermals eine starke Wärmezunahme am Vormittag stattgefunden. Mit dem Herannahem des tiefen Drucks im Westen von uns wird die Wetterlage wieder unsicher.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 15 Gr. Wärme, niedrigste ½  Gr. Wärme. Heiter. Nordostwind. (DN)"

Aus dem Königshause gibt es nicht viel zu vermelden, jedoch haben wir einen neuen und weiteren prinzlichen Hoflieferanten:

"Se. Königl. Hoheit der Prinz Johann Georg hat den Fabrikanten künstlicher Mineralwasser, Brauselimonaden und Fruchtsirupe, Herrn Otto Boyde hier, Königsbrückerstraße 47, zu seinem Hoflieferanten ernannt. (DN)"

Das Kupfer des Kreuzkirchendaches, das Zinn der Orgel ist geborgen, oder das was davon noch übrig war, wurde verkauft und soll zu allerhand Andenken an Kirche und Brand verarbeitet werden:

"Der Metallwaarenfabrik und Prägeanstalt von Carl Bochmann in Dresden-N, Dammweg 2c, ist es möglich geworden, das aufgefundene Metall der Orgel und des Kupferdaches der Kreuzkirche käuflich zu erwerben. Die Firma beabsichtigt, hieraus Andenken, als Kreuze, Wandteller mit eingeprägten Köpfen, wie Christus, Luther, Melanchthon usw., sowie Bilder der Kreuzkirche vor dem Brande mit entsprechenden Erinnerungsvermerken, anzufertigen und zu annehmbaren Preisen in den Verkehr zu bringen. Solange der Metallvorrath reicht, sollen auch besondere Wünsche berücksichtigt und in kurzer Zeit ausgeführt werden, auch wird jedem Besteller gern der Nachweis geliefert, daß das zu verwendende Metall thatsächlich von der Kreuzkirche herrührt. (DNN)"

Gestern wurde, wie schon kurz gemeldet, das erste städtische Volksbad in Betrieb genommen:

"Gestern Nachmittag 5 Uhr wurde das erste städtische Volksbad zum Lämmchen, welches an Stelle des schon 1808 im Hofe des Grundstücks Annenstraße 37 bestandenen Lämmchenbades neu errichtet worden ist, von der Stadtvertretung übernommen  und bereits eine Stunde später der Oeffentlichkeit zur Benutzung übergeben. An der vorhergegangenen Besichtigung betheiligte sich u. A. die Herren Bürgermeister Leupold und Nake, Stadträthe Fischer, Kaiser, Braeter, Bierey, Lungwitz, Raschke, Wohlfahrtspolizeikommissar Bock und Wulfingen, Bezirksarzt Medizinalrath Dr. Niedner, Stadtverordnete Schriftführer Krieg und Dr. Lehmann, Baurath Pagenstecher, Hartwig II, Clausen, Häckel, Albanus, Stadtbaumeister Geißler und Stadtbauinspektor Schmidt. Das schmucke Gebäude von unverputztem Ziegelmauerwerk enthält besondere Eingänge für Frauen und für Männer und umfaßt auf einer bebauten Fläche von 240 Quadratmeter außer den Warte- und Betrrebsräumen 42 Badezellen für Brause- und Wannenbäder. Herr Stadtbaurath Bräter berichtete aus der Vorgeschichte des Baues, daß das Lämmchengrundstück 1866 von der Stadt für den ungemein billigen Preis von 60.000 Mark erkauft wurde. Den ersten Anlaß zur Errichtung von Volksbrausebädern habe Herr Oberbürgermeister Stübel gegeben, der bereits 1894 nach dem Vorgange anderer Städte die Einrichtung von Volksbrausebädern anregte. Unter Verwendung der anderwärts gemachten Erfahrungen habe man dann in dem vorliegenden Gebäude neuesten Erfindungen angebracht und das beste Material mit einem Bauaufwande von 84.000 Mark verwendet. Der zum Verwalter des Bades vom Rathe bestellte Herr Stadtrath Dr. Bierey übernahm aus den Händen des Vorredners die Schlüssel und gelobte mit freudigem Herzen treue Pflichterfüllung. Es sei für ihn eine persönliche Liebhaberei, dieses kleine gesundheitliche Schmuckkästchen zu einer Art Volksapotheke für Gesundheit zu gestalten, welche zur Kräftigung de körperlichen Wohlfahrt und Pflege der Reinlichkeit diene. Nicht auf große materielle Erfolge sei es abgesehen, sondern eine gemeinnützige Einrichtung solle geschaffen werden, der, sobald sie sich bewähre, ähnliche in anderen Stadttheilen folgen werden. Hierauf erfolgte eine gemeinsame Besichtigung der Räumlichkeiten, wobei der praktischen Eintheilung und den vorzüglichen Heizungsanlagen warme Anerkennung gezollt wurde. Jedes Brausebad hat einen abgesonderten Vorraum zum Umkleiden, jedes Wannenbad ist mit einer geräumigen eisenemaillirten Wanne, Sitzbank, Spiegel, Tritt und Kleiderrechen ausgestattet. Die Bedienung hat die schon vom alten Bad her bestens bekannte Familie des Herrn Simon übernommen. Die Besichtigung wurde ausgedehnt auf das nebenan neu eingerichtete Nebengebäude der Annenschule, welches ein Zimmer für Gesang, ein chemisches Laboratorium, physikalische und chemische Unterrichtsräume enthält, die auf die modernste Weise ausgestattet sind. (DN)"

Über das Jubiläum des Droschkenkutschers wurde ja auch schon berichtet. Er verlebte den Tag mit der Entgegennahme allerlei Ehrengaben, so auch dieser:

"Sein 50jähriges Jubiläum als Dresdner Droschkenführer feierte, wie wir bereits mittheilten, am 10. April Herr Carl Gottfried Uhlemann. Unter Anderem wurde der Jubilar in Anerkennung der langjährigen vorzüglichen Wartung und Pflege der ihm anvertrauten Pferde im Namen des (alten) Dresdner Vereins zum Schutze der Thiere durch dessen Vorsitzenden, Herrn Hofrath Dr. med. Schurig, mit bezüglicher Ansprache ein Diplom überreicht, unter gleichzeitiger Beifügung einer Gratification als Belohnung für treue Pflichterfüllung. (DNN)"

Eine andere Kutsche, die Funkenkutsche, soll nun gar durch den Plauenschen Grund fahren:

"Aus dem Plauenschen Grunde. Die Mittehilung, daß der Bau einer elektrischen Straßenbahn durch den Plauenschen Grund genehmig worden sei, bestätigt sich. Dem Elektrizitätswerke im Plauenschen Grunde ist zum Bau der projectirten elektrischen Bahn Hainsberg – Desden Genehmigung ertheilt worden, die Bedingungen sollen allerdings ziemlich schwer sein. (DNN)"

Na, liebe Königsteiner Stadtväter, nicht dass das Datum der Riesenfete für die neuen Mitbürger auf der Festung falsch aufgefasst wird. Toll, eine Maifeier im Jahre 1897:

"Der neuen Garnison Königstein ist bei ihrem Einzuge ein überaus herzlicher Empfang von allen Seiten der Bevölkerung bereitet worden. Rath und Stadtverordnete daselbst haben einstimmig beschlossen, für das 500 Mann starke Bataillon einen Festabend in den 5 Sälen der Stadt zu veranstalten (Tanz und Freibier). Es sind hierzu 1500 Mk. bewilligt worden. Auf Wunsch des Kommandeurs wird die Feier am 1. Mai abgehalten. Für die Stadt verspricht man sich von der neuen Garnison einen erheblichen Aufschwung. Herr Kayser, Besitzer des Hotels „Blauer Stern“, hat seine Lokalitäten bedeutend erweitern lassen. Daselbst veranstaltet am 3. Osterfeiertag die Kapelle der neuen 177er, unter Leitung des Herrn Röpenack, ein großes Konzert. (DN)"

Heute gibt es auch wieder etwas zu essen:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Grüne Suppe. Kalbskoteletten mit Spargel. Gebratene Rehschulter mit Salat. Portugieser Reis. – Für einfachere: Grüne Suppe. Gehackte Schweinskoteletten mit Sauerkraut. (DN)"

Die Theater bieten uns heute:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang 7 Uhr: Große Musik-Aufführung (Palmsonntags-Konzert)
K. Hoftheater Neustadt: Anfang 7 Uhr: Die versunkene Glocke.
Residenz-Theater: Nachmittags: Anfang ½ 4 Uhr: Liebelei; Abends: Anfang ½ 8 Uhr: ´s Nullerl."

Zunächst der amtliche Polizeibericht:

"Polizeibericht. Die Baggerer, die gestern die – wie mitgetheilt zwischen der Stein- und Gerichtsstraße in die Elbe gesprungene 49 Jahre alte Wirthschafterin retteten heißen Hecht, Strauch, Müller und Grimm. Bemerkt sei noch, daß die Gerettete eine Schnapsflasche bei sich trug und stark angetrunken zu sein schien. – Ein Straßenbahnarbeiter hat am 2. April, nachdem er den Transport einer Kommode übernommen hatte, der Auftraggeberin, einer etwa 20 Jahre alten Frauensperson, eine Pellerine aus dunkelgrauem Stoff, welche mit dem Stempel der Dresdner Straßenbahn versehen war, zur Aufbewahrung während der Ausführung des ihm etheilten Auftrages übergeben. Der fragliche Arbeite hat die betreffende Frauensperson nicht wieder finden können, vermuthlich weil er deren Angaben über die Wohnung etc. mißverstanden hat. Er ist somit auch nicht wieder in den Besitz der Pellerine gelangt. Sachdienliche Mittheilungen werden an die Kriminalabtheilung der königlichen Polizeidirektion erbeten. (DA)"

Der Sittenstrolch von Klotzsche wurde festgenommen:

"Gestern Mittag ist es endlich nach langen vergeblichen Bemühen dem Landgendarmen Schubert und dem Gemeindediener von Klotzsche geglückt, im Prießnitzgrund jenen verworfenen Menschen aufzugreifen und festzunehmen, der die weiblichen Besuche der Dresdner Heide wiederholt durch seine schamlosen Sittlichkeitsattentate erschreckt und die Umgebung Dresdens dadurch geradezu unsicher gemacht hat. Der Verhaftete heißt Hänsch, ist 19 Jahre alt, aus Dresden gebürtig und treibt sich schon lange vagabundirend in der Dresdner Haide umher. Er hat bereits ein umfassendes Geständniß abgelegt, wonach er die sämmtlichen in letzterer Zeit zu Gehör gekommenen Sittlichkeitsattentate in der Dresdner Heide ausgeführt hat, und ist außerdem noch von verschiedenen Frauen aus Klotzsche als der gesuchte Missethäter recognoscirt worden. Hänsch wurde noch gestern an das Gericht nach Dresden abgeliefert. – Die Verhaftung des jugendlichen Verbrechers wird allenthalben große Befriedigung hervorrufen und namentlich den Besuchern der Dresdner Heide in vollem Umfange das Gefühl der Ruhe und Sicherheit auf ihren einsamen Spaziergängen wiedergeben. (DN)"

Immer wieder diese Kutscher:

"Schöffengericht. Der Kutscher Ernst Theodor Kämpf hatte auf der Landstraße in Radeburg sein Geschirr mitten auf der Straße stehen lassen. Deshalb wurde er und sein Freund Werner vom Gemeindevorstand Riemer zur Rechenschaft gezogen. Kempf kam dem Gemeindevorstand grob und mißhandelte einen gewissen Großmann. Weil dieser das Geschirr fortschaffen wollte. Wegen Beamtenbeleidigung und gefährlicher Körperverletzung wurde Kempf zu 2 Mon. 5 Tagen  Gefängniß verurtheilt. Werner, der sich auch hatte zu Beleidigungen hinreißen lassen, wurde kostenlos freigesprochen, weil das Gericht von ihm annahm, daß er den Gemeindevorstand nicht kannte. – Der Kutscher Paul Hermann Heinrich Thamm störte den Verkehr auf der Blasewitzerstraße, indem er mit seinen schwerbeladenen Möbelwagen einem hinterdrein fahrenden Straßenbahnwagen nicht vorschriftsmäßig auswich. Die Polizeistrafe lautete auf 6 Mk., das Gericht setzte diese auf 3 Mk. herab. Billiger wird´s aber auch nicht, denn sechs Zeugen waren vorgeladen, von welchen allerdings nur zwei Straßenbahnbeamte vernommen und vereidigt worden. (DNN)"

Wer will sich selbstständig machen? Die Aufgabe eines Fischgeschäftes mit gut gehendem Bierkonsum auf Grund einer Eheschließung wirft allerdings Fragen auf:

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Sonnabend, 10. April 1897

Da habe ich doch schon wieder getrieft und nur ein Teil des "Dresdner Anzeigers" bei der Sichtung kopiert. Daher muss der Wetterbericht und, schlimmer noch, die Meldung über das morgige Mittagessen ausfallen.
Aber was es Wichtiges aus dem Königshause gibt, das erfahren wir:

"Wie aus Baden-Baden gemeldet wird, erfreuen Ihre Majestäten der König und die Königin sich des besten Wohlseins. Se. Majestät de König traf auf der Hinreise mit Ihrer Königl. Hoheit der Frau Großherzogin von Baden, welche sich zufällig zu einem kurzen Besuche ebenfalls nach Baden-Baden begab, in Karlsruhe zusammen und wurde auf dem dortigen Bahnhofe im Auftrage Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs von Baden von dessen General a la suite, Generalmajor Müller, begrüßt. Die Ankunft in Baden-Baden am Montag erfolgte fahrplanmäßig Vormittags 11 Uhr 10 Min. Nachmittags um 2 Uhr traf Ihre Majestät die Königin, welche in Oos von der auf der Rückreise nach Karlsruhe begriffenen Frau Großherzogin von Baden begrüßt worden war, in Baden-Baden ein und wurde auf dem Bahnhofe von Se. Majestät dem Könige, sowie Ihren Königl. Hoheiten der Frau Gräfin von Flandern und der verwittweten Frau Fürstin von Hohenzollern empfangen. Ihre Majestät war trotz der langen Reise sehr frisch. Nachdem Beide Königl. Hoheiten an dem Diner beim sächsischen Königspaare theilgenommen hatten, reiste die Frau Gräfin von Flandern ab. Die Frau Fürstin von Hohenzollern hat im Hotel de l´Europe, wo auch Ihre Majestäten wohnen, auf einige Zeit Aufenthalt genommen. Am 8. ds. M. empfingen Ihre Majestäten den Besuch Ihrer Königl. Hoheit der Frau Großherzogin von Baden. Nach den zur Zeit getroffenen Dispositionen gedenken Ihre Majestäten am Montag den 12. April Abends 7 Uhr 17 Min. von Baden-Baden abzureisen und am Dienstag Vormittag über Leipzig in Dresden wieder einzutreffen. (DN)"

Fritze August reist inkognito zur Auerhahnjagd:

"Se. Königl. Hoheit Prinz Friedrich August trifft am 19. April Abends auf einige Tage in Bad Elster ein und wird bei dem Hoftraiteur Max Klarner, Hotel Reichsverweser, Wohnung nehmen. Trotzdem Se. Königl. Hoheit inkognito weilen wird, so werden doch verschiedene Festlichkeiten veranstaltet werden. Höchstwahrscheinlich wird Se. Königl. Hoheit diesmal der Auerhahnjagd am Brunnenberg obliegen. Hoffentlich ist das Wetter günstig und Sr. Königl. Hoheit wie speziell im vergangenen Jahre das Jagdglück hold. (DN)"

Übrigens. Fritze August. Als Schirmherr der Sportfestwoche hat er das Programm zu dieser abgenickt:

"Mit allerhöchster Genehmigung Sr. Majestät des Königs findet die diesjährige Sportfestwoche unter dem Protektorate Sr. Königlichen Hoheit des Prinzen Friedrich August vom Sonntag den 23. Mai bis mit Donnerstag den 27. Mai (Himmelfahrtstag) statt. Das Programm ist wie folgt festgesetzt worden: Sonntag: Rennen in Seidnitz; Montag: Freivorstellung im Königlichen Opernhause; Dienstag: Nachmittags und Abendfest auf der Terrasse; Mittwoch: Blumencorso im Königlichen Großen Garten; Donnerstag: Rennen. (DNN)"

Bis dahin ist es noch eine Weile, gehen wir erst einmal wandern:

"Lohnende Ausflüge in Dresdens Umgebung. Halbe Tagespartie Loschwitz – Rochwitz (45 Min.), Friedrich-Augustthurm (45 Min.), Helfenberger Ruine (30 Min.), Finstere Telle, Niederpoyritz (1 Sunde), insgesammt 2 ½ bis 3 Stunden Weg. Fahrt mit Straßenbahn oder Schiff nach Loschwitz, im Grunde aufwärts bis zum Gasthof „Zur Eule“. Hier rechts die Straße nach Rochwitz einschlagen. Nach 5 Min. Straßentheilung, links gehen; oben auf der Höhe angelangt, links nach Rochwitz. Kurz vor dem Gasthof die Straße rechts, am Bismarckstein und Schule vorbei. Dann Straßentheilung, links gehen, am rechten Hause Wegweiser: „Gasthof Gönnsdorf“, nachher wieder rechts, an der Wegsäule geradeaus, Richtung Gönnsdorf, am letzten Hause immer geradeaus, den schmalen Weg entlang. Wir schneiden einen anmuthigen Grund, auf der jenseitigen Höhe angelangt, Wegtheilung, links, auf den sichtbaren Friedrich-Augustthurm zu. Wir stoßen auf einen Fahrweg, diesen links, kommen auf die Pappritz-Gönnsdorferstraße, diese links. In wenigen Minuten der Gasthof von Gönnsdof vor uns und dahinter der Friedich-Augustthurm, 318 Mtr. Seehöhe. Pachtvolle Rundsicht. Dann zurück zum Gönnsdorfer Gasthof und die Straße nach Pappritz einschlagen. Nach 9 Min. links die Straße nach Helfenberg, diese etwa 150 Schritte gehen, dann rechts den ersten Weg am Hange hin. Er senkt sich in einen hübschen Grund, nach etwa 14 Min, sehen wir links oben die Mauerreste der Ruine Helfenberg. Einen der schmalen Fußpfade links hinauf. Oben gothischer Thürbogen, prächtiger Picknickplatz unter Buchen, schöner Blick in die walderfüllte Tiefe des Grundes. Dann wieder herunter in den Grund, die Fahrstraße abwärts am Teiche und Forsthause vorbei. Nach 4 – 5 Min. (vom Forsthause ab) links über ein Holzbrückchen den Pfad ziemlich steil aufwärts (Finstere Telle genannt). Oben an der großen Buche rechts über Holzbrückchen den Promenadenweg gehen, links Steinbank. Nach 15 Min. zweite Steinbank, überraschender Blick ins Elbthal und die waldigen Hänge des Helfenberger Grundes. Nach 25 Min. steht ein einzelnes Haus, die „Presse“ vor uns, hier rechts unter einer Holzbrücke durch, den Fußweg abwärts. In 5 Min. auf einer Straße, diese links. So in circa 25 Mi. am Gasthof Niederpoyritz, und am per Dampfer oder überfahren nach Laubegast und per Straßenbahn nach Dresden. Eine der schönsten Partien des Elbthales. (DNN)"

Das Säckel zum Wiederaufbau der abgebrannten Kreuzkirche wächst:

"Zum Wiederaufbau der Kreuzkirche sind bis heute 51.744 Mk. freiwillige Spenden eingegangen. Nicht mit inbegriffen ist die reiche Gabe der Kirchgemeinde und der politischen Gemeinde Löbtau. (DA)"

Wenn es schon morgen, durch mein Verschulden, nichts zu essen gibt, so soll zumindest Löbtau einen eigenen Schlachthof bekommen:

"Löbtau. Wie wir erfahren, erhält Löbtau in nächster Zeit einen eigenen Schlacht-Viehhof, die Unterhandlungen in dieser Beziehung sind innerhalb der Gemeindeverwaltung im vollen Gange, auch haben unlängst mehrere Mitglieder des Gemeinderathes Schlacht-Viehhhöfe auswärts in Augenschein genommen, um Erfahrungen dort zu sammeln. Das Areal, auf welchem der neue Schlacht-Viehhof erbaut werden soll, liegt hinter dem Friedhof nach Plauener Seite zu. Außer Löbtau genießen die Mitbenutzung desselben die Ortschaften Plauen, Naußlitz, Wölfnitz usw. (DNN)"

Was bieten uns heute die Theater:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang ½ 8 Uhr: Generalprobe. Große Musik - Aufführung.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Die Journalisten.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Herr von Perlacher."

Ein Mann wird gesucht:

"Ein geistesschwacher Mann hat sich am Sonntag aus seiner Wohnung, Gambrinusstraße 14 parterre, entfernt und ist bis heute nicht wieder zu seiner Familie zurückgekehrt. Er ist mittelgroß, hat dunkelblonden Schnurrbart, graumelirtes Haar und steht im 46. Lebensjahre. Er trug bei Weggang aus der Wohnung einen braunen Cheviotanzug, Winterüberzieher und steifen schwarzen Hut. Wer übe den Verbleib etwas anzugeben weiß, möge der Familie eine Mittheilung zukommen lassen. (DN)"

Eine Frau fiel in die Elbe, wurde aber noch rechtzeitig gerettet:

"Heute Mittag nach 12 Uhr fiel eine ältere Frau gegenüber vom „Schwarzen Bär“ vom Kai aus in die Elbe. Sie wurde alsbald von Elbarbeitern noch lebend wieder ans Land gebracht und auf Anordnung von Aufsichtsorganen mittels Droschke nach dem Krankenhause übergeführt. (DA)"

Amtlich berichtet uns die Polizei auch etwas:

"Polizeibericht. In einem Geschäfte der Löbtauer Straße fiel gestern Nachmittag einem Arbeiter ein Stoß Bretter auf den rechten Fuß. Der Mann erlitt hierdurch einen Unterschenkelbruch. – Gestern Mittag kam auf der Gerokstraße ein 36 Jahre alter Geschäftsführer, der auf einen im Gange befindlichen Straßenbahnwagen aufspringen wollte und abglitt, unter die Räder des Anhängewagens. Dabei ist ihm der linke Unterschenkel zerfahren und der Kopf schwer verletzt worden. Der Verunglückte wurde in das Carolahaus gebracht und ist bald danach gestorben. (DA)"

Razzia in der Heide. Und wieder wurden einige illustre Gestalten aufgegriffen:

"Vorgestern fand in der Dresdner Heide unter Führung des Herrn Kreisobergendarm Enger eine größere Razzia statt, bei welcher nicht weniger als 5 Männer und 3 Frauen, vorbestrafte Personen, festgenommen und der Behörde zugeführt wurden. (DN)"

Was melden uns die Kameraden der Feuerwehr:

"Gestern Vormittag in der 11. Stunde wurde die Feuerwehr eines vermutheten Brandes wegen nach dem Grundstücke Große Meißner Straße 8 gerufen. Infolge eines Defektes in einem Schornsteine war in einer Wohnung im 4. Obergeschosse daselbst Rauch zwischen die Balkenlage getreten und zu den Fußbodenfugen herausgedrungen. Um die Ursache festzustellen, war die Feuerwehr, da sie stellenweise den Fußboden aufheben mußte, längere Zeit in Thätigkeit. – Heute Vormittag gegen ¼ 9 Uhr rückte ein Löschzug nach dem Grundstücke Flemmingstraße 2 aus, woselbst in einem Wohnzimmer im 1. Obergeschosse die Gardinen eines Fensters mit Zubehör, der Fensterrahmen, das Fensterbrett und anderes mehr in Brand gerathen waren. Außerdem waren durch die Hitze die Fensterscheiben gesprungen. Als Entstehungsursache ist anzunehmen, daß von einem in der Nähe des Fensters stehenden Spirituskochapparate brennender Spiritus in die Gardinen gespritzt ist und diese in Brand setzte. Die Feuerwehr war, da sie den Brand in der Hauptsache schon von den Bewohnen gelöscht vorfand, nur kurze Zeit in Thätigkeit. (DA)"

Eine Woche Mathildenschlösschen für Klingelrutsche. Na gut, wenn man in dieser Hinsicht auch schon vorbestraft ist:

"Amtsgericht. In angetrunkenem Zustande zog der zu Pieschen wohnhafte Kaufmann Felix Appelt, 1874 geboren, in früher Morgenstunde mehrmals die Hausglocke des Königl. Japanischen Palais am Kaiser-Wilhelmplatz. Dem intervenirenden Gendarmen bezeichnete sich A. als „Freiherr Xilef von Oppelt“. Die Königl. Polizeidirektion stellte ihm eine Strafverfügung von 1 Tag Haft zu wegen Verübung groben Unfugs und eine 3tägige Haft wegen Beilegung eines falschen Namens. Hiergegen erhob A. Einspruch, indem er sein Vernehmen durch den Irrthum zu rechtfertigen suchte, das Japanische Palais mit dem in der nächsten Nähe befindlichen Gasthaus „Zu den Palmenzweigen“ verwechselt zu haben. Mit dieser Einrede vermochte er keinen Glauben bei Gericht zu erwecken. Dasselbe erachtete die polizeiliche Strafverfügung vielmehr als zu gering bemessen und verurtheilte A. zu 1 Woche Haft. Der Angeklagte war wegen gleicher Uebertretung erst kürzlich in Pirna vorbestraft worden."

Nächste Woche ist Ostern. Denkt an die Süßigkeiten:

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Freitag, 9. April 1897

Es heitert auf und das Schönste, es soll so bleiben:

"Auf eine kühle Nacht, welche wiederum überall Frost brachte, folgte am 7. April bei wechselnder Bewölkung und vereinzelten Niederschlägen eine mäßige Wärmezunahme gegen den Vortag. Die Minima der Temperatur gingen von – 0,5 Gr. (Dresden) herab bis – 6 Gr. (Reitzenhain), die Mittelwerthe lagen zwischen 4 Gr. an den Stationen von 100 – 300 M. Höhenlage und – 2 Gr. an der Hochstation. Im Maximum wurden 10,1 Gr. (Leipzig) erreicht. Schneetiefe: Reitzenhain 11, Fichtelberg 40 Cmtr. An der niederländischen Küste hat sich ein flaches Minimum des Luftdrucks gelagert und auch im Süden und Südosten befindet sich relativ niedriger Druck. Das Maximum in Nord-Nordosten besteht unverändert fort und von ihm hat sich hoher Druck über den größten Theil des Kontinents ausgebreitet. Bei den geringen Gegensätzen herrscht ziemlich ruhiges, wolkiges bis trübes Wetter, auch hat eine weitere Wärmezunahme stattgefunden. Da von Westen eine neue Depression im Anzug zu sein scheint, dürfte der Fortbestand der bisherigen Wetterlage gesichert sein.
Aussichten: Aufheiternd. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 11 Gr. Wärme, niedrigste 2 Gr. Wärme. Wolkig. Südostwind. (DN)"

Der König, die Prinzen und ein ganzer Rattenschwanz sächsischer Oberfuzzis werden sich nächste Woche nach Leipzig begeben:

"Se. Majestät der König wird, wie bereits gemeldet, der Eröffnung der Sächs.-Thüringischen Industrie-Ausstellung in Leipzig beiwohnen. Se. Majestät trifft am 24. d. M. um 1 Uhr Mittags mit Sonderzug auf dem Dresdner Bahnhof in Leipzig ein. Im Gefolge Sr. Majestät werden sich außer den Königlichen Prinzen sämmtliche sächsische Staatsminister und Ministerialdirektoren, der Generaldirektor der Königl. Staatsbahnen, sowie die Präsidenten und Vizepräsidenten der ersten zweiten sächsischen Kammer befinden. Auf dem Bahnhofe findet Empfang statt, wonach die Fahrt nach dem Ausstellungsplatze angetreten wird. Am Hauptportal des Industriepalastes werden die allerhöchsten und höchsten Herrschaften von dem geschäftsführenden Ausschuß der Ausstellung ehrfurchtsvoll begrüßt, worauf im Kuppelbau der Halle, nach musikalischen Vorträgen, von dem Vorsitzenden des geschäftsführenden Ausschusses, Herrn Stadtrath Dodel und des Herrn Oberbürgermeisters Dr. Georgi, die Eröffnungsreden gehalten werden. Hierauf unternimmt Se. Majestät nebst den Königl. Prinzen und Gefolge einen Rundgang durch die Industrie- und Maschinenhalle und das Thüringer Dorf, nach welchem Se. Majestät in der Hauptgastwirthschaft der Ausstellung ein Frühstück einnimmt. Nachdem hierauf noch andere Sehenswürdigkeiten der Ausstellung, wie der Pavillon der Stadt Leipzig, das Alpendiorama Tiroler Bergfahrt, die Kunsthalle, die Gartenbauhalle und das alte Leipziger Meßviertel in Augenschein genommen sind, wird der Monarch die Ausstellung wieder verlassen. (DN)"

Fritze August besuchte seine Soldaten:

"Se. Königl. Hoheit Prinz Friedrich August wohnte gestern früh den Kompagnievorstellungen im 2. Grenadier-Regiment Nr. 101 bei. (DN)"

Seine Gattin ängstigte Bürgerschüler bei den Osterprüfungen oder schaute sich nach Fremdsprachenlehrern um:

"Ihre Kaiserl. Königl. Hoheit Prinzeß Friedrich August wohnte gestern Vormittag den Prüfungen in der 5. Bürgerschule, Direktor Jahn, Markgrafenstraße 35, bei. (DN)"

Der Hofmarschall der Beiden ist wiederum verschnupft. Kurier dich mal aus, mein Junge:

"Der Hofmarschall Sr. Königl. Hoheit des Prinzen Friedrich August, Herr Frhr, v. Reitzenstein, ist an einem Influenzarückfall erkrankt. Glücklicher Weise trägt die Erkrankung keinen schweren Charakter. (DN)"

Am Wasaplatz ist ein neues schickes Haus entstanden und in dieses zieht die schon längere Zeit in der Lockwitzer Straße bestehende Apotheke. Auch 119 Jahre später wird sie noch darin zu finden sein:

"Die von Hermann Selcher am 1. September gegründete Apotheke in Vorstadt Strehlen wird am Sonntag Palmarum von der Lockwitzer Straße nach dem prächtigen Neubau am Wasaplatz verlegt und der Vorstadt Strehlen zur Zierde gereichen. Herr Selcher, der bereits am 1. April 1895 sein 50jähriges Berufsjubiläum in aller Stille beging, ist der älteste aktive Apotheker Sachsens, hat sich auch durch die im Jahre 1876 erfolgte Einführung des balsamischen Salicyltalges manche Verdienste erworben. Derselbe ist weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt geworden und wird namentlich von Touristen hoch geschätzt. Im Jahre 1882 wurde derselbe bei der königlich sächsischen und dem württembergischen Armeekorps, sowie viele preußischen Regimentern offiziell eingeführt. Bald darauf kam durch Armeebefehl der jetzt noch bei den Fußkranken in der deutschen Armee angewandte 2prozentige Salicyltalg in Verwendung. Die Selcherche Erfindung hat somit die Veranlassung dazu gegeben. Möge es dem noch körperlich und geistig rüstigen alten Apotheker vergönnt sein, auch in seinem neuen Heim noch lange in gleicher Geistesfrische zu wirken. (DA)"

Nun haben auch einige gelbe Wagen der Dresdner Straßenbahn diese bescheuerten Stromschuhe an der Unterseite des Wagenkastens und fahren elektrisch durch die König-Johann-Straße. Auch bis nach Friedrichstadt soll es bald unter Strom gehen:

"Seit gestern früh verkehren regelmäßig Wagen der Dresdner (gelben) Straßenbahn-Gesellschaft durch die König-Johannstraße nach dem Altmarkte, wo sich vorläufig der Haltepunkt befindet. Es sind dies Wagen, welche die Linie Schäferstraße – Striesen befahren und mit der Bezeichnung „Altmarkt – Vorstadt Striesen“ versehen sind. Die Tour vom Altmarkt bis Striesen wird elektrisch befahren, durch die König-Johannstraße mittelst der unterirdischen Leitung, während die ganze übrige Strecke mit Oberleitung versehen ist. Vorläufig kann die Strecke König-Johannstraße nur von den elektrischen Wagen der gelben Straßenbahngesellschaft benutzt werden, da infolge des Straßenumbaues die Linie der Grunaerstraße schon seit einigen Wochen nur bis zum Ausstellungsplatz befahren werden kann. Der Betrieb vom Ausstellungsplatz nach dem Altmarkt wird mittelst Pferdebahnen unterhalten. Die Fertigstellung der Linie Grunaerstraße, an welcher fleißig gearbeitet wird, dürfte noch einige Wochen beanspruchen, da das Schienennetz gänzlich neu gelegt und die Straße asphaltirt werden wird. Die Linie Schäferstraße – Striesen soll später bis zur Schäferstraße elektrisch befahren werden. Ob die Wilsdrufferstraße mit unterirdischer Leitung versehen wird, dürfte vorläufig noch fraglich sein. Der Pferdebahnbetrieb der Strecke Schäferstraße-Striesen bleibt zunächst vollständig im Gange. (DN)"

Auch bis ganz hinauf zum zänkischen Bergvolk soll bald eine Straßenbahnlinie gelegt werden:

"Weißer Hirsch. Bezüglich der elektrischen Verbindung Dresden – Waldschlößchen – Bühlau vernimmt man, daß dem Anfange de Arbeiten daran nichts mehr im Wege steht. (DA)"

Dafür verschwindet wieder ein Stück Dresdner Geschichte:

"Vor Kurzem ist wieder eine der vom Wasser des Weißeritzmühlgrabens getriebenen gewerblichen Anlagen zum Stillstand gekommen, indem die Welle des Mühlrades im Grundstücke der alten Nudelmühle an der Ostraallee gebrochen und das ganze Rad behördlicherseits entfernt worden ist. Eine Erneuerung dürfte nicht erfolgen und so werden von den früher sehr zahlreichen Betrieben wohl nur noch die Beisert- und die Schmelzmühle im Stadtgebiete vom Weißeritzmühlgraben mit Kraft versorgt. (DNN)"

Vor 25 Jahren experimentierte in der Kreuzstraße ein Möchtegernfeuerwerke mit Pulver, die Sache ging schief, das Haus flog in die Luft und vier Menschen starben. Heute wird dessen in der dort befindlichen Kneipe gedacht:

"Im Restaurant „Fuchsbau“, Kreuzstraße 2, hier, findet heute eine Gedächtnißfeier der am 9. April 1877 4 Uhr durch eine Explosion erfolgten Zerstörung des betr. Hauses statt. Bekanntlich hatte ein Bewohner des Hauses, der Hoftheaterchorsänger Steinmüller, der sich nebenbei mit der Fabrikation von Feuerwerkskörpern befaßte, das Unglück verschuldet. Außer Steinmüller büßten noch drei Menschen, ein Bierausgeber und zwei Dienstmädchen, durch die Explosion ihr Leben ein. (DN)"

Und weil wir gerade bei Kneipen sind. Schon gestern teilten uns die "Dresdner Nachrichten" die diesbezügliche Statistik mit:

"Veränderungen im Dresdner Gastgewerbe. Schankwirth Richard Becker von der Sonne hat das Ball- und Tanz-Etablissement zur Aue an der Blumenstraße käuflich übernommen, bisher Oerttel. – Georg Herrmann hat das Gasthaus und Restauration Stadt Aussig an der Schumachergasse Nr. 1 übernommen, bisher Wilsdorf. – Schankwirth Thiele hat das Restaurant vom Schankwirth Schulze an der Königsbrückerstraße, Ecke Jordanstraße, übernommen. – Franke hat das Restaurant zum Vater Jahn an der Jahnstraße übernommen, bisher Rother. – Karl Henke aus Dresden hat das Sommer-Restaurant zur Liebenecke in Cossebaude übernommen, bisher 16 Jahre Herr Wagner. – Schankwirth Wendelt von der Grünestraße hat das Restaurant zur Pechhütte in Striesen käuflich erworben, bisher Albrecht. – Johann Mutschik übernahm das Restaurant mit Grundstück Canalgasse 1, bisher Glatzer. – P. Michael eröffnete an der Kreuzstraße Nr. 2 das bekannte Restaurant Fuchsbau, bisher geschlossen. – Gastwirth Max Semmelrath, Besitzer vom Etablissement zum Schwan am Schützenplatz, eröffnete an der Maxstraße in seinem Grundstück eine Stehbierhalle und übergab die Bewirthschaftung Herrn A. M. Rentzsch. – Schankwirth Puhlmann hat das Restaurant und Gasthaus Stadt Braunschweig Röhrhofsgasse 4 übernommen, bisher Dürichen. – Speisewirth Napp übernimmt Bohnes Gasthaus und Restaurant an der Mauer Nr. 4, bisher 20 Jahre Herr Bohne. – Hausdiener Lämmel übernimmt das Restaurant Hans Sachs, Scheffelstraße 10, bisher Melde. An der Carola-Brücke, Dresden-Altstadt, soll in dem neugebauten Hause ein hochfeines Café errichtet werden. (Dazu Pächter gesucht). (DNN vom 8. April)"

Was gibt es bei uns:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Griessuppe. Deutsches Beefsteak mit Spinat. Gebratene Tauben mit Kompot. Gefüllte Omeletten. – Für einfachere: Eierkuchen mit Backobst. (DN)"

Im Opernhaus finden heute die Proben zum legendären Palmsonntagskonzert statt, deshalb bleiben die Türen für das Publikum geschlossen. Aber man kann sich ja in den anderen Musentempeln vergnügen:

"K. Hoftheater Altstadt: Geschlossen.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Die versunkene Glocke.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Herr von Perlacher."

Vorsicht! Achtet auf eure Handkarren. Die Wagendiebe sind wieder unterwegs:

"Polizeibericht.  Am 2. d. M. abends ist aus dem Hofe des Grundstücks Heinrichstraße 7 ein gebrauchter zweirädriger, grüngestrichener Federkarren, an dessen linken Seite ein kleines Blechschild mit dem Namen „A. Hartung“ befestigt ist, gestohlen worden. – Im Verlaufe polizeilicher Erörterungen ist im Besitze eines Mannes gelegentlich einer Durchsuchung ein Pfandschein vorgefunden worden. Der Schein ist über eine silberne, innen vergoldete Cigarettendose ohne Gravirung, im Taxwerthe von 9 Mk., ausgestellt. Ueber den Erwerb dieser Dose hat sich Sicheres nicht feststellen lassen. Da die Annahme nahe liegt, daß diese Dose von einem Diebstahl herrührt, eine diesbezügliche Anzeige jedoch hier nicht vorliegt, so wird der eventuelle Eigenthümer ersucht, sich umgehend mit der hiesigen Kriminal-Abtheilung in Verbindung zu setzen. – Von einem vor dem Hause Wallstraße 7 stehenden Rollwagen ist am 7. April d. J. abends gegen 7 Uhr ein in graue Leinwand gehüllter, verschiedene Sorten Buckskin enthaltender Ballen, gezeichnet: „B. 1405“, im Werthe von 325 Mk. gestohlen worden. – Ferner wurde in der Nacht zum 3. April d. J. eine zweirädrige, grau gestrichene Karre mit 20 bis 25 cm hohen Kastenaufsatz, etwa 50 Mk. werth, gestohlen. (DA)"

Es ist nur noch fürchterlich. Sittenstrolche in Klotzsche, Kinderschänder in Cotta. Letzteren hat man aber glücklicherweise gestellt:

"Sittlichkeitsverbrechen. Am Montag Nachmittag lockte ein unbekannter Mann ein 6jähriges Mädchen in den Garten von Grellmanns Restaurant in Cotta und nahm dort in einem Versteck unzüchtige Handlungen mit dem Kinde vor. Der Sittlichkeitsverbrecher ward von der Polizei in der Person eines gewissen Hernig aus Dresden ermittelt und verhaftet. (DN)"

Wieder mal einen Blick in die Gerichtsstuben. Diesmal wurden Unfälle mit der Straßenbahn verhandelt. Zunächst muss ein unaufmerksamer Pferdebahnkutscher einige Zeit auf Staatskosten versorgt werden:

"Landgericht. Am Abend des 5. Januar d. J. gegen 8 Uhr fuhr der Wagenführer der deutschen Straßenbahngesellschaft Carl Albin Feustel, 1871 in Niederwürschnitz geboren, mit dem von ihm geführten Pferdebahnwagen von Blasewitz kommend auf einen an der Einmündung der Kaulbachstraße in die Grunaerstraße stehenden Motorwagen derselben Gesellschaft dermaßen auf, daß ein Passagier dieses Wagens, indem er mit dem Kopfe gegen die Laterne und eine Eisenstange geschleudert wurde, Verletzungen davontrug, welche ihn auf 14 Tage arbeitsunfähig machten. Auch der Schaffner Kunze trug leichtere Verletzung davon. Wenn auch das Gericht nicht mit Bestimmtheit für erwiesen ansah, daß F. während der Fahrt geschlafen habe, mußte es ihm doch grobe Unachtsamkeit und Fahrlässigkeit beimessen und verurtheilte ihn zu 3 Wochen Gefängniß. (DNN)"

Glimpflicher kam ein Kutscher eines Ambulanzwagens des Pfundschen Imperiums davon, der mit seinem Gefährt am Neujahrstage eine Straßenbahn "schnippelte":

"Landgericht. Am 1. Januar d. J. früh in der 7. Stunde war der in dem Pfund´schen Milchgeschäft seit Jahresfrist thätige Kutscher Robert Paul Schreckenbach aus Roßwein, wie alltäglich, mit dem Ausfahren von Milch beschäftigt und gerieth er dabei neben seinem Bruder, der sich ihm zur Aushilfe zugesellt und mit auf dem Bock Platz genommen hatte, durch eigene Schuld in Lebensgefahr. Infolge der mangelnden Aufmerksamkeit und beeinträchtigt durch das noch herrschende Dunkel entging dem gestern wegen fahrlässiger Gefährdung eines Bahntransports und fahrlässiger Körperverletzung vor die 5. Strafkammer verwiesenen Angeklagten auf der Canalettostraße das Herannahen eines vom Pirnaischenplatz nach Striesen fahrenden Wagenzuges der deutschen Straßenbahn, so daß der vordere elektrische Wagen mit dem Geschirr zusammenstieß, als S. in Begriff war, von links aus nach der rechten Straßenseite zu gelangen. Der Anprall war so heftig, daß der Bruder Schreckenbach´s von seinem Sitz herabgeschleudert und einen Schlüsselbeinbuch, sowie eine Verletzung an den Schläfen erlitt, während der unbeschädigt gebliebene Angeklagte mit sammt dem umgestürzten Wagen zu Falle kam. Als der Führer des Motorwagens, Beulich, das Geschirr bemerkte, betrug die Entfernung nur noch etwa 6 Meter und es war ihm bei dem Mangel einer Magnetbremse, sowie in Rücksicht auf den schmierigen Zustand der Schienen absolut nicht möglich, den Wagenzug echtzeitig zum Halten zu bringen. Schreckenbach versicherte unwiderlegt, daß er sich bei der Abgabe des Warnsignals bereits auf dem Gleis befunden habe und ein Ausweichen unmöglich gewesen sei. Den Vorschriften der Verkehrsordnung entsprechend, war S. allerdings auf einer von der Straßenbahn durchzogenen Straße besonders verpflichtet, sich über das ev. Herannahen eines Wagens auseichend zu vergewissern, bevor er das Gleis kreuzte. Der von Herrn Rechtsanwalt Staatsanwalt a. D. Dr. Thieme vertheidigte Angeklagte wurde nur der fahrlässigen Körperverletzung für schuldig erachtet und fand man in Rücksicht auf seine straffreie Vergangenheit das Vergehen schon mit einer Geldstrafe von 40 Mark ev. 8 Tagen Gefängniß gesühnt. (DN)"

Fisch auf jeden Tisch. Besonders im Nichtraucherlokal Fischhaus in der Brüdergasse, in der großen, bekommt man für anderthalb Groschen seinen Heringstopf. Bier kostet extra:

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Donnerstag, 8. April 1897

Es bleibt beim Aprilwetter. Aber es regnet nicht mehr:

"Nachdem in der Nacht vom 5. zum 6. April infolge allgemeiner Aufklarung überall Nachtfrost eingetreten war, herrschte am 6. April vorwiegend heiteres, trocknes und kühles Wetter. Die Minima der Temperatur gingen von – 0 Gr. (Dresden) herab bis – 8 Gr. (Fichtelberg), die Mittelwerthe lagen zwischen 4 Gr. und – 4 Gr. an denselben Stationen und das Maximum betrug 7,6 Gr. (Leipzig). Schneetiefe Reitzenhain 11, Fichtelberg 40 Cmtr. Die Depression über England hat sich noch etwas vertieft, beschränkt sich aber auf die britischen Inseln. Der hohe Druck im Norden hat sowohl an Raum als Intensität gewonnen; er breitet sich von seinem Maximum (Haparanda 776 Mm.) über die skandinavische Halbinsel und das Ostseegebiet bis nach Nordost-Deutschland und Polen aus. Zwar hat sich bei uns infolge einer Südwestlichen Strömung zunehmende Bewölkung und etwas wärmere Temperatur eingestellt, doch ist das Wetter vorwiegend trocken verlaufen. Abgesehen von gewissen Unregelmäßigkeiten in der Luftdruckvertheilung, welche auf das Vorhandensein flacher Theildepressionen schließen lassen, bleibt die Wetterlage noch immer der Trockenheit günstig.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 7 Gr. Wärme, niedrigste 1 Gr. Wärme. Bedeckt. Südostwind. (DN)"

Albert übernimmt eine Schirmherrschaft:

"Se. Majestät der König hat sich bereit erklärt, das Protektorat über den in der Pfingstwoche in Leipzig stattfindenden 5. Allgemeinen Deutschen Journalisten- Schriftstellertag zu übernehmen. (DN)"

Carola fährt wieder zur Kur:

"Ihre Majestät die Königin gedenkt sich am 24. April zum Kurgebrauch nach Karlsbad zu begeben. In Begleitung Ihrer Majestät werden sich befinden: Ihre Excellenz die Frau Oberhofmeisterin v. Pflugk, die Hofdame Gräfin Reuttner v. Weyl und der Kammerherr v. Minckwitz. (DN)"

In der Strehlener Königlichen Villa herrschen derzeit die Handwerker und  der technische Fortschritt zieht ein:

"In Villa Strehlen der Königlichen Sommerresidenz wird, seitdem das Hoflager nach dem Königlichen Residenzschlosse verlegt wurde, auf das Eifrigste gearbeitet, um den Sommersitz des Königspaares allen Ansprüchen der Neuzeit entsprechend umzugestalten. Unter Anderen werden alle Räume elektrische Beleuchtung erhalten. (DN)"

Und noch etwas vom Baugeschehen. Glück im Unglück, der Turm der Kreuzkirche und auch die Umfassungsmauern des Schiffes haben das flammende Inferno so gut überstanden, dass kein Abbruch erfolgen muss:

"Die fortgesetzten sorgfältigen Untersuchungen und Beobachtungen der Kreuzkirche-Ruine durch die Bausachverständigen des Kreuzkirchenvorstands haben ein günstigen Ergebniß geliefert. Weder der Thurm selbst, noch die Umfassungsmauern haben von dem verheerenden Brande so gelitten, daß sie etwa abgetragen werden müßten, wie man das von dem Tzurm wenigstens fürchtete. Wohl hat derselbe an der der Brandstätte zugekehrten Seite manchen Schaden davongetragen, aber nicht in dem Umfang, daß seine künftige Sicherheit bedroht wäre. Hingegen sind die im Innern der Kirche befindlichen Pfeiler in einem Maße von den Flammen durchglüht worden, daß sie vollständig abgetragen werden müssen. Diese Arbeit ist denn auch in den letzten Tagen geleistet worden. Das tröstliche Ergebniß der Untersuchung dürfte wohl geeignet sein, dem Kreuzkirchenvorstand die Stellungnahme zu der die Gemüther tiefberührenden Frage, ob ein Neubau der Kirche in´s Auge zu fassen sei, wesentlich zu erleichtern. Die Meinungen im Kirchenvorstand waren, wie wir sehr begreiflich finden, eben so getheilt wie im Publikum. Einen sehr praktischen Standpunkt hat wie wir hören, Herr Oberkonsistorialrath D. Dibelius gleich von vornherein eingenommen, nämlich den, daß, wenn der Thurm und Umfassungsmauern nicht in ihrer Sicherheit bedroht erschienen, man die Kirche an der jetzigen Stelle und mit Benutzung des äußeren Mauerwerksaufführen möge, daß man aber bei diesem Neubau auf Schaffung größerer Lichtzufuhr und einer besseren Akustik ernstlich bedacht sein müsse. Der unlängst beendete Verschönerungsbau hatte bekanntlich den Klagen über die schlechte Akustik so gut wie gar nicht abgeholfen. Wie man freilich diese Ansprüche an Akustik und Licht befriedigt, wird dem künftigen Architekten der Kreuzkirche wohl mit die sorgenvollste Arbeit sein. Vielleicht hälfe es, wenn man nicht, wie in der alten Kirche, drei Emporen aufeinander thürmte, sondern sich auf zwei beschränkte. Mit der Entscheidung dafür, daß man die Kreuzkirche an ihrer jetzigen Stelle wieder aufführt, dürfte auch die Frage einer Interimskirche ihrer Lösung nahe gerückt sein. Bei einem Neubau auf einer anderen Stelle würde man schwerlich um eine Interimskirche herumkommen können, da ein solcher Bau wohl an die fünf Jahre Zeit brauchen würde. Ein Bau auf jetziger Stelle beansprucht aber schwerlich mehr als drei Jahre und in dieser Zeit kann sich die Parochie ebenso ohne Interimskirche einrichten, wie sie sich bei dem Verschönerungsbau beholfen hat. (DN)"

Apropos Interimskirche. Nein, es ist unwahr, dass die Kreuzkirchenparochie ins Schlachtenpanorama zieht:

"Nach Meldungen verschiedener Blätter soll als vorläufiger Ersatz für die abgebrannte Kreuzkirche das Schlachtenpanorama in der Pragerstraße eingerichtet werden und Herr Superintendent Dr. Dibelius mit dem Besitzer desselben in Unterhandlungen hieüber führen, die ihrem definitiven Abschluß nahe seien. Auf Grund persönlicher, an maßgebender Stelle eingezogener Erkundigungen können wir mittheilen, daß an de ganzen Geschichte kein wahres Wort ist. (DNN)"

Aber es wäre doch mal ganz nett, statt heroischer Schlachtengemälde eine Ausstellung vom Kirchenbrande und dessen Folgen in der Prager Straße zu zeigen.
Wasser marsch! So heißt es demnächst wieder in der Annenstraße. Nicht zur Brandbekämpfung, sondern zu Reinigungszwecken:

"Wie aus den amtlichen Bekanntmachungen ersichtlich, erfolgt am 10. d. M. die Eröffnung des auf der Annenstraße 37 gelegenen städtischen Volksbades. Schon längere Zeit städtisches Besitzthum, war die Badeanstalt bisher unter dem Namen „Lämmchenbad“ verpachtet und erfreute sich zahlreicher Kundschaft. Die Nothwendigkeit, am Maschinenhaus eine größere Reparatur vorzunehmen, führte den Rath dazu, die ganze Anstalt als Neubau aufzuführen und diese in Zukunft als „Volksbad“ in eigenem betriebe zu verwalten. Nach einem von beiden städtischen Kollegien genehmigten Bauplan hat Herr Stadtbaurath Bräter im Hofe des sog. Lämmchengrundstücks einen sehr zweckmäßigen Bau aufgefüht, der 42 Badezellen enthält. 28 davon sind für Brausebäder, 14 für Wannenbäder bestimmt. Die Männerabtheilung enthält 23 Brause- und 8 Wannenbäder, die Frauenabtheilung 5 Brause- und 6 Wannenbäder. Die Ausstattung des Bades und der Zellen ist bei Vermeidung allen Luxusses gediegen und zweckmäßig. (DN)"

Fünfzig Jahre Kutscher, Droschkenkutscher. Wir gratulieren:

"Fünfzig Jahre Droschkenkutscher sein, im Hüh und Hott des Lebens immer sicher und zielbewußt gelenkt, das „Heh, heh!“ in allen heiklen und gefährlichen Situationen im rechten Moment gerufen haben, das will schon etwas bedenken! In der seltenen Lage, ein halbes Jahrhundert in allen Kutscherehren auf dem Bocke der Droschke verlebt zu haben, befindet sich der hiesige Droschkenkutscher Karl Gottfried Uhlemann, der übermorgen, Sonnabend, sein fünfzigjähriges Droschkenkutscher-Jubiläum feiert. Ehre dem Braven für diese lange und mühevolle Thätigkeit, für die Strapazen, die er während der fünf Jahrzehnte zur Bequemlichkeit seiner Mitmenschen auf sich genommen hat. Aber ganz abgesehen hiervon, wäre es interessant, den alten Uhlemann, der in seinem stämmigen, untersetzten Aeußeren und dem frischen, wettergebräunten Gesicht keineswegs die Spuren seines anstrengenden Metiers merken läßt, interessant wäre es, ihn erzählen zu hören von den „Fahrten“ die er hinter sich hat und die sicher eine ganze Chronik von Freud und Leid in sich fassen. Damals, als Uhlemann erstmalig polizeilich in Pflicht genommen wurde, am 10. April 1847, gab es in Dresden nur 100 Droschken zweiter Klasse – heute verfügen wir über 100 Taxameter-Droschken 1. Klasse, 480 Droschken 2. Klasse und 122 Fiaker (Zweispänner). Mit dieser siebenfachen Steigerung des Verkehrs sind natürlich auch die Pflichten des Droschkenkutschers nicht unwesentlich erweitert worden. Früher mag´s in dem Metier gemüthlicher hergegangen sein als heute, wo nicht nur die Konkurrenz der Droschken unter sich, sondern auch der Verkehr der Pferdebahn- und der elektrischen Straßenbahnwagen die Ansprüche der Passagiere ganz bedeutend anders ausgebildet haben. Heute heißt´s gewaltig auf dem Posten sein und die Ohren steif halten, wenn alle Klippen der Verkehrsordnungen glücklich umschifft, oder besser gesagt umfahren werden sollen. Aber auch unter solchen modernen Ansprüchen stellt der alte Uhlemann (der sein Metier übrigens auch auf seine beiden Söhne übertragen hat) noch seinen ganzen Mann. Erst vor´m Jahre wurde gelegentlich der polizeilichen Droschken-Revue die Uhlemann´sche Droschke Nr. 213 als ein besonders propres, wohlgepflegtes Geschirr anerkannt. Früher fuhr Uhlemann die Nummer 337, aber auch mit dieser Nummer hatte er die gleichen Auszeichnungen in Sachen der Reinlichkeit und Zuverlässigkeit zu verzeichnen. Der alte, brave Uhlemann steht gegenwärtig in Diensten des Fuhrwerksbesitzers F. H. Franke, Florastraße 7, der viel auf den Nestor der Dresdner Droschkenkutscher hält. Fügt man dieser Lebensskizze eines Braven noch hinzu, daß er sich einer Familie von fünf verheiratheten Kindern und achtzehn Enkeln geschaffen, daß er in zwei Jahren seine goldene Hochzeit feiern kann, daß er, als gut konservativ, seit 43 Jahren in ein und demselben Hause (Friedrichstraße 36) wohnt, daß Zeit seines Lebens seine Devise in dem Ausspruche gegipfelt hat: „Arm, aber ehrlich“, so ist dem Alten gewiß ein herzlicher Glückwunsch in verschiedener Hinsicht nicht zu versagen und an solchen dürfte es übermorgen wohl auch nicht fehlen. (DN)"

Das Bellewuff, gemeint ist das in Blasewitz, hat einen neuen Besitzer:

"Das Hotel Bellevue in Blasewitz ist von Herrn Naumann-Lößnitz für 100.000 Mk. angekauft worden und wird vom 1. Mai an in die Bewirthschaftung des neuen Besitzers übergehen. (DN)"

Na Gott sei Dank, beim Biere wird kein Engpass eintreten:

"Der Ausstand der Böttcher in der Brauerei zum Gambrinus, zu Reisewitz und im Hofbrauhause ist nur von kurzer Dauer gewesen; heute, am 7. April, wurde in allen drei Brauereien die Arbeit von den Ausständigen wieder aufgenommen. (DA)"

Und was gibt es morgen als Grundlage zum Genuss des Gerstensaftes:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Grünkernsuppe. Norwegische Eierspeise. Schinken mit grünen Bohnen. Wiener Krapfen. – Für einfachere: Kartoffelsuppe. Schellfisch mit Senfbutter. (DN)"

Was gibt es Neues vom Zirkus? Auch dort zieht das Wasser ein:

"Im Cirkus Krembser gelangt heute eine große Wasserpantomime zum ersten Male zur Aufführung. Besondere Wirkung verspricht man sich von der zweiten Abtheilung dieser Vorführung, während welcher die Manege in einen künstlichen See verwandelt wird, auf dem sich komische Scenen abspielen werden. (DN)"

Nicht nur komische Szenen werden sich heute in den Theatern abspielen:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang ½ 8 Uhr: Der Evangelimann.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Toranoto Tasso.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Herr von Perlacher."

Nach wie vor ist der tragische Unfall der Pferdebahn mit dem Kinderwagen in der Hauptstraße Stadtgespräch. Allerdings, drei Zeitungen, drei Meinungen. Übereinstimmend jedoch, dass eine Aufsichtspflicht der Mutter vorliegt und der Pferdebahnkutscher völlig Schuldlos ist:

"Zu dem gestern gemeldeten höchst bedauerlichen Unglücksfall auf der Hauptstraße verlautet, daß den betreffenden Kutscher keine Schuld trifft. Die Mutter der beiden verunglückten Kinder hatte den Kinderwagen auf wenige Minuten verlassen, um in einem Schokoladengeschäft für ihre Kinder etwas zu kaufen. Die letzteren sind unruhig gewesen, der Wagen ist auf der etwas neigenden Allee in Bewegung gekommen und das Unglück ist geschehen, ehe Jemand zu Hilfe eilen konnte. (DN)"

Was meldet uns heute die Polizei:

"Polizeibericht, 7. April. In der Pirnaischen Vorstadt hat verwichene Nacht eine 41 jahre alte Arbeiterin in ihrer Wohnung durch Erhängen sich den Tod gegeben. – In seiner in der Seevorstadt gelegenen Wohnung hat sich gestern gegen Mittag ein 44 Jahre alter Gewerbetreibender in einem Kleiderschranke erhängt. – Am 2. ds. M. sind auf der Großen Brüdergasse 2 Lotterieloose gefunden und bei der königlichen Polizeidirektion abgegeben worden. – Anher gelangte amtlicher Mittheilung zufolge sind in der Nacht zum 2. ds. M. in Hannover zwei außen versilberte, innen vergoldete Abendmahlskelche, der eine 25 Cmtr. hoch und glatt, der andere 20 Cmtr. hoch und in getriebener Arbeit; eine silberne, innen vergoldete Abendmahlskanne mit Deckel und Griff, etwa 30 Cmtr. hoch, auf dem Deckel ein stehendes Kreuz und die Inschrift: „Von den Familien von Alten und Reischauer gewidmet“, ferner zwei Teller (sogen. Patenen), der eine von Silber, der andere von Weißmetall; zwei silberne, innen vergoldete Hostiendosen, die eine in getriebener Arbeit, die andere schlicht mit liegendem Kreuze, und eine goldene Brille mit nicht eingefaßten Gläsern gestohlen worden. (DN)"

Es ist schon eigenartig. Da fanden sich neulich in der Pillnitzerstraße 3 und nun in der Brüdergasse 2 Lose. Vielleicht alles nur Schwindel. Schwindel und Betrug ist auch Fundunterschlagung. Vorsicht. Man wurde dabei beobachtet. Oder auch nur Bluff:

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Mittwoch, 7. April 1897

Der Wetterfrosch gibt uns Folgendes bekannt:

"Am 5. April stellten sich bei abnehmender Temperatur und wechselnder Bewölkung zweitweise Niederschläge ein, die meist als Schnee fielen. Nachtfrost trat nur in den höheren Lagen auf; die Minima gingen von 3 Gr. (Dresden) herab bis – 5,5 Gr. (Fichtelberg), die Mittelwerthe betrugen 5 bis gleichfalls – 5,5 Gr. an beiden Stationen und im Maximum wurden nur 6,8 Gr. (Dresden) erreicht. Schneetiefe Reitzenhain 12, Fichtelberg 40 Cmtr. Ueber Centraleuropa lagert ein Gebiet hohen Ducks von 160 Mm., welches Nordwestdeutschland, Sachsen, Schlesien und Böhmen bis herein nach Oesterreich bedeckt. Sein Maximum hat der Luftdruck im äußersten Norden (Bodö, Haparanda 770 Mm.) und von ihm aus erstreckt sich hoher Druck über die skandinavische Halbinsel nach den russischen Ostseeprovinzen. Tiefer Druck befindet sich im Südosten, sowie im Westen; der letztere breitet sich bereits nach Frankreich aus. In Sachsen hat sich unter dem Einfluß des Hohen Drucks bei leichten unbestimmten Winden heiteres, anhaltend kühles Wetter eingestellt. Zwar werden die Winde noch immer vom Festland abgelenkt, doch scheint sich der tiefe Druck von Südwesten her nach dem Continent auszubreiten, wodurch die Wetterlage bei uns gleichfalls beeinflußt werden dürfte.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 10 Gr. Wärme, niedrigste 1 Gr. Wärme. Wolkig. Ostwind. (DN)"

Und wieder ging eine Blaublütige von uns, was die Hoftrauer vermehrt:

"Auf allerhöchsten Befehl wird wegen erfolgten Ablebens Ihrer Durchlaucht der Prinzessin Friederike zur Lippe am Königlichen Hofe die Trauer auf drei Tage, vom 7. bis mit 9 ds. M., in Verbindung mit der bereits angelegten getragen. (DN)"

Fritze August war wieder bei seinen Soldaten:

"Se. Königl. Hoheit Prinz Friedrich August dinirte vorgestern Nachmittag im Casino des Offizierkorps des Leib-Grenadier-Regiments Nr. 100. (DN)"

Die Dänische Kronprinzessin reiste von Wien wieder zurück und wurde am Hauptbahnhof auch wiederum bewirtet:

"Die unter dem Namen einer Gräfin Kronberg reisende Kronprinzessin von Dänemark passirte gestern Morgen von Wien kommend mit Gefolge hier durch. Auf dem hiesigen Hauptbahnhof wurde im Coupé ein bereitgehaltenes Frühstück eingenommen. (DN)"

Der letzte Sturm hat für erhebliche Schäden in der Dresdner Heide gesorgt:

"Wer jetzt die Dresdner Heide durchstreift, wird mit Erstaunen die Verheerungen wahrnehmen, die der letzte Orkanartige Sturm unter den Nadelhölzern angerichtet hat. Mächtige Stämme, die in den lockeren Sandboden allerdings einen festen Wurzelboden nicht finden können, liegen an vielen Stellen entwurzelt am Boden, andere Bäume wieder hat der Sturm in der Mitte geknickt. Besonders im Ullersdorfer Revier hat der Sturm viel Schaden verursacht. So sind bei dem Förstereischießstande ungefähr 40 bis 50 große Fichtenstämme entwurzelt und geknickt worden. Kreuz und quer liegen die von einer Naturkraft gefällten Stämme durcheinander. Die dort vorhandene Schutzhütte ist demolirt. Das Ganze bildet ein Bild der Verwüstung. (DA)"

Aus dem Bericht über die letzte Sitzung des Gesamtrates:

"Mittheilung aus der Gesammtrathssitzung. Die am 1. April als den Geburtstag des Fürsten Bismarck zu vergebenden Stipendien aus der Bismarck-Stiftung beschloß der Rath, dem Schulamtskandidaten Bösenberg, dem Abiturienten der Fürstenschule Meißen Gottschall, dem stud. Jur. Eichler, dem Maurerlehrling Pasig, dem Diätisten Porstmann, dem Drechsler Vogelgesang, dem Oekonomieverwalter Wahl, dem Maurerlehrling Donat, dem Bildhauer Gerold und dem Schreiber Heller zu verleihen. – Vom Baumeister Wagner ist um baupolizeiliche Genehmigung zur Errichtung eines Neubaus auf dem Areal der ihm gehörigen Grundstücke Königstraße 4, Obergraben Nr. 21, 12 und 10 und Rähnitzgasse Nr. 21 nach Abtragung der jetzt darauf stehenden Gebäude nachgesucht worden. Durch das erstgenannte Grundstück führt ein dem Obergraben mit der Königstraße verbindender Durchgang Nachdem die über diesen angestellten Erörterungen nicht ergeben haben, daß er die Eigenschaft eines öffentlichen Weges besitzt, sind, da das Fortbestehen des Durchganges im Interesse des Verkehrs gewünscht ist, Verhandlungen mit dem Baumeister Wagner gepflogen worden. Hierbei hat sich nicht erreichen lassen, daß eine öffentliche Durchfahrt, um welche verschiedene Anwohner des Obergrabens und der Rähnitzgasse in einer Eingabe an den Rath gebeten haben, an Stelle es Durchgangs hergestellt wird, dagegen hat Baumeister Wagner die Verpflichtung übernommen, den jetzt bestehenden 2,50 Meter breiten Durchgang in dieser Breite für alle Zukunft zu erhalten, auch Jedermann die Benutzung des Durchgangs im Sommer (April bis September) in der Zeit von 6 Uhr früh bis 10 Uhr Abends und im Winter (Oktober bis März) von 7 Uhr früh bis 9 Uhr Abends zu gestatten, ferner einen ungefähr 178 Quadratmeter großen Theil seines Grundstücks, der zwischen dem Obergraben und der Durchfahrt liegt, der Stadtgemeinde als öffentlicher Stadtraum zum Preise von 20 Mk. für 1 Quadratmeter zu verkaufen und den an der Rähnitzgasse zwischen dieser und seinem Hause, Nr. 21, gelegenen, der Stadtgemeinde gehörigen, ungefähr 71 Quadratmeter großen Streifen Landes zum Zwecke der Bebauung für den Preis von 100 Mk. für 1 Quadratmeter käuflich zu erwerben. Der Rath genehmigte dieses Abkommen. – Bei Feststellung der Fluchtlinie für den vom Hofjuwelier Mau auf den Grundstücken Waisenhausstraße Nr. 4, 6, 8 und 10 geplanten Neubau hat sich ergeben, daß die zeitherige und die neue Fluchtlinie sich nicht vollständig decken, vielmehr bei einer Frontlänge von 116 Meter 7,8 Quadratmeter bisher bebaute Fläche zur Straße fallen und 6,1 Quadratmeter bisheriges Straßenareal mit zu bebauen sind. Der Austausch dieser Flächen ward genehmigt. – Der Kirchenvorstand zu Leuben hat der Königl. Kircheninspektion angezeigt, daß er beschlossen habe, eine neue Kirche zu bauen. Der Rath erklärte sich mit dem Neubau Patronatswegen einverstanden. … (DN)"

Mit der Höherlegung der Gleise in Richtung Pirna wird in Bälde begonnen:

"Die vom Landtage genehmigte Hochlegung zweie Geleise der Bodenbach – Dresdner Eisenbahnlinie zwischen der Flurgrenze Reick-Strehlen und der Residenzstraße Dresden wird in den nächsten Monaten vor sich gehen. Es werden hierbei umfangreiche Arbeiten zu bewältigen sein und zwar 78.000 Quadratmeter Rodungsarbeiten, 110.000 Kubikmeter Massenbewegung und 73.000 Quadratmeter Böschungsarbeiten. Außedem sind  auszuführen 3500 Kubikmeter Beton- und Bruchsteinmauerwerk und 320 Kubikmeter Hausteinmauerwerk. Dieses Bahnstück bildet nur einen Theil der Bahnstrecke Dresden – Niedersedlitz, die zu erbauen bei dem gesteigerten Verkehr auf der Bodenbacher Linie eine dringende Nothwendigkeit bildet. Es sei hierbei gleich erwähnt, daß bezüglich der Ausführung der genannten Bauten und verschiedener damit zusammenhängender Fragen zwischen dem Staatsfiscus und der Gemeindevertretung Dresdens ein Vertrag zu Stande kam. Nach demselben werden die Kosten des gesammten Grunderwerbes, sowie die Herstellung des erhöhten Bahnkörpers einschließlich der während der Ausführung nöthigen Interimsanlagen vom Staatsfiscus und der Stadtgemeinde zu gleichen Theilen getragen. Hierbei wird die Stadtgemeinde einen Theil der Schüttungsmassen unentgeltlich zur Verfügung stellen und die Kosten der Straßenunterführungen, ingleichen die Wasserdurchlässe unter die erhöhten zwei vorhandenen Geleise, ebenso die Kosten etwaiger weiterer Straßenunterführungen allein tragen, während der Staatsfiscus seinerseits die Kosten des Oberbaues der beiden ersten Geleise auf dem erhöhten Bahnkörper, sowie die spätere Verbreiterung des Bahnkörpers zu viergleisiger Anlage nebst dem Ausbau des dritten und vierten Geleises allein übernimmt. Die Stadt wird ungefähr 300.000 Mk. Herstellungskosten beizustellen und 230.000 Mk. Grunderwerbungskosten zu tragen haben. (DNN)"

Was gibt es am morgigen Tage:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Schildkrötensuppe. Fischecroquetten. Lendenbraten mit Trüffeln und Endiviensalat. Himbeer-Gefrorenes. – Für einfachere: Rindfleisch mit Rosinensauce. (DN)"

Und was gibt es heute im Theater:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang ½ 8 Uhr: Mignon.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Die Journalisten.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Bocksprünge."

Schrecklicher Unfall auf der Hauptstraße:

"Gestern Nachmittag gegen 5 Uhr ereignete sich auf der Hauptstraße dicht vor der Einmündung der Ritterstraße ein entsetzlicher Unglücksfall. Zwei in einem Kinderwagen ruhende Kinder wurden von einem nach dem Arsenal fahrenden Pferdebahnwagen überfahren. Der mangelhaft beaufsichtige Kinderwagen war auf der Allee in´s Rollen gekommen, auf das Gleis gerollt und von dem unglücklicherweise gerade daherkommenden Straßenbahnwagen umgeworfen worden. Die Räder gingen dem einen Kinde über die Hände, dem anderen, getödteten, zerschnitten die Räder beide Beinchen. Eine große Blutlache kennzeichnete noch lange die Stätte des Unfalls, welche eine erregte Menschenmenge noch längere Zeit umstand. (DN)"

Und wieder war in Klotzscher Revier ein Sittenstrolch unterwegs:

"Im Walde bei Klotzsche wurde am Freitag abermals ein Sittlichkeitsattentat auf eine Frau verübt. Zum Glück gelang es derselben, sich aus den Händen des Wüstlings, der leider entkam, zu befreien. (DN)"

Und schließlich noch der amtliche Polizeibericht:

"Polizeibericht, 6. April. Am 1. d. M. sind auf der Pillnitzerstraße 3 Lotterieloose gefunden und bei der Königl. Polizeidirektion abgegeben worden. – Auf der von der Albrechtstraße nach dem Königl. Großen Garten führenden Mittelallee stürzte am Montag Nachmittag eine Dame mit ihrem Zweirade und erlitt rechterseits einen Unterschenkelbruch. – Infolge eines Ohnmachtsanfalls stürzte heute Vormittag ein 16 ½ Jahre altes Dienstmädchen in der Friedrichstadt. Sie erlitt eine schwere Verletzung am Unterleib. – Auf dem Hospitalplatz wurde heute Vormittag ein Arbeiter von einem Rollwagen überfahren und erlitt eine Oberschenkel-Quetschung. – Im Keller eines Grundstücks der Antonstadt hat heute Vormittag ein Lehrling den Versuch gemacht, sich zu hängen. – Gewarnt wird vor einer Schwindlerin, die unter den unwahren Angaben, ihr Ehemann sei Concertmeister, wohne in Schandau und sei durch einen lahmen Arm erwerbsunfähig geworden, bei Herrschaften vorspricht und zur Herstellung der Gesundheit ihres Mannes um ein größeres Darlehn bittet. Die Frau hat sich Bachmann genannt, ist 25 bis 28 Jahre alt, von mittlerer schlanker Figur und hat gewandtes Benehmen. Wenn sie wieder irgendwo auftreten sollte, bittet man, sie festzuhalten und dem nächsten Polizeibeamten zu übergeben. – Vergangene Woche wurde ein auswärts wohnhafter Mann auf der Hamburger Straße von zwei unbekannten Männern überfallen und seiner Baarschaft beraubt. Von der hiesigen Kriminalpolizei sind jetzt als Thäter die arbeitslosen Fischhändler Culisch und Möbeltransporteur Brie ermittelt und festgenommen worden. – Am Montag Abend wurde in der Neuegasse ein unbekannter Mann angetroffen, welcher trunken auf der Erde lag und sich nicht allein zu erheben vermochte. Da er in keinem der nahegelegenen Gasthäuser aufgenommen wurde, sein Name und seine Wohnung auch nicht sogleich zu ermitteln war, wurde der Mann mit Hilfe einiger bereitwilliger Leute nach dem Polizeigebäude getragen. Hier ist er nach einiger Zeit verstorben. Nachträglich ist festgestellt worden, daß der Verschiedene ein 53 jahre alter hiesiger Einwohner ist. (DN)"

Der Mietzins der Wohnungen in der Oppellvorstadt ist schon ganz schön heftig. Das wird auch 119 Jahre später noch bzw. wieder so sein:

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Dienstag, 6. April 1897

Was wird uns heute von der Wetterfront berichtet:

"Der 4. April verlief am Vormittag vorwiegend heiter, am Nachmittag mehrfach trübe und im Gebirge mit zeitweisen Schneefall verbunden. Die Minima der Nacht lagen sämmtlich unter Null. Zwischen – 1 Gr. (Dresden) und – 9 Gr. (Reitzenhain), während am Tage eine mäßige Wärmezunahme gegen den Vortag stattfand; die Mitteltemperaturen betrugen 5,5 Gr. (Dresden) bis – 3,5 Gr. (Fichtelberg), das Maximum war 9,1 Gr. (Dresden). Schneetiefe Reitzenhain 12, Fichtelberg 40 Cmtr. Unter rascher Zunahme des Luftdrucks hat sich im Westen ein Hochdruckgebiet über 760 Mm. ausgebildet, dessen Maximum über dem nördlichen Schottland liegt und das sowohl bis nach Norwegen als nach Südfrankreich sich ausgebreitet hat. Im Süden und Südosten lagern noch immer Depressionen, welche mit dem hohen Druck im Nordwesten zusammen eine vorwiegend nördliche Strömung auf dem Kontinent hervorrufen, die kühles Wetter mit wechselnder Bewölkung und zeitweisen Niederschlägen zur Folge hat. Vom Ocean scheint eine neue Depression im Anzug zu sein und werden die Winde in England wie an der Küste bereits dahin abgelenkt, sodaß mit dem allmählichen Verschwinden des tiefen Drucks im Osten auf Besserung der Wetterlage zu hoffen ist.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 7 Gr. Wärme, niedrigste 2,5 Gr. Wärme. Früh Regen mit Schnee, Vormittags bedeckt, dann aufheiternd. Nordwestwind. (DN)"

Und sonst noch:

"Der Frühling macht seinen Eintritt allenthalben bemerkbar, obwohl von den linden Lüften, die er uns bringen soll, nichts zu verspüren ist. Im Gegentheil war die Temperatur in der Nacht zum Sonntag soweit zurückgegangen, daß sich frühmorgens Eisbildungen zeigten und die vorzeitig ins Freie gestellten empfindlichen Pflanzen erfroren waren. Hin und wieder stellten sich auch kleine Schneeflogen ein. Im übrigen aber grünt es überall. (DA)"

Aus dem Königshause:

"Se. Majestät der König ist gestern Vormittag 11 Uhr 10 Min. und Ihre Majestät die Königin 2 Uhr 3 Minuten im besten Wohlsein in Baden-Baden eingetroffen. Die Rückkehr Ihrer Majestäten nach Dresden steht für Dienstag, den 13. April zu erwarten. (DN)"

Und in Baden-Baden wohnt Blaublut bei Blaublut:

"Ihre Majestäten der König und die Königin werden in Baden-Baden mit Ihren Königl. Hoheiten der Frau Fürstin-Mutter von Hohenzollern und der Frau Gräfin von Flandern zusammentreffen. Die hohen Herrschaften wohnen sämmtlich im Europäischen Hof. (DN)

Ba ja montags die "Neuesten Nachrichten" nicht erscheinen, können wir erst heute über die Völkerwanderungen am doch recht passablen Sonntag erfahren:

"Sonntagsverkehr. Das wahre frühlingsmäßige Ahnen zog gestern erstmalig durch die Herzen der Residenzler. Blickte doch die Sonne verlockend, sie erwärmte die grünende Natur, was Wunder, wenn sich die Menschen hinausgezogen fühlten in die Umgebung Dresdens. Diesem Umstande hatte unsere Staatseisenbahnverwaltung Rechnung getragen und zum ersten Male in diesem Jahre verkehrten Sonderzüge zur Aufnahme der zahlreichen Ausflügler, die außerdem mit den Schiffen, der elektrischen und Pferdebahn, zu Fuß und wagen ins Freie eilten. Vom Leipziger Bahnhofe verkehrten Nachmittags 1 Uhr 55 Minuten und 2 Uhr 55 Minuten Sonderzüge nach Meißen und Coswig, die verstärkt abgelassen werden mußten und welche gegen 800 Personen befördert haben dürften. Der Nachmittags 1 Uhr 30 Minuten vom Leipziger Bahnhofe abgelassene Localzug nach Coswig war dicht besetzt, viele der Passagiere fanden mit einem bereitgestellten Sonderzuge von Coswig aus Weiterbeförderung. In Dresden-Altstadt kamen ebenfalls einige Sonderzüge zur Ablassung und der Verkehr nach Stationen der Sächsischen Schweiz war bedeutend, fuhren doch bereits mit den ersten Frühzügen ganze Vereinigungen hier ab und annähernd 3400 Fahrkarten sind an den hiesigen Ausgabestellen nach Königstein, Pötscha-Wehlen usw. verkauft worden. Der Verkehr nach Hainsberg – Kipsdorf – Tharandt benöthigte die Verstärkung der regulären Züge, ebenso war der Verkehr nach Haidestationen erstmalig recht zufriedenstellend, sind doch gegen 1200 Fahrkarten nach dorthin verkauft worden. Wie versichert wird, waren auf den Linien Radebeul – Moritzburg – Eisenberg, Radeburg – Radebeul und auf der schlesischen Linie ebenfalls Sonderzüge erforderlich, um das reiselustige Publikum zu befördern. (DNN)"

Und wir erfahren etwas hautnah über die an der Gerokstraße abgeworfenen Feuerlöschbomben:

"Das von den Vertretern einer Pariser Firma gestern Nachmittag auf der alten Vogelwiese (an der Gerokstraße), hier angestellte Experiment mit der Feuerlöschgranate „Labbe“ hatte neben zahlreichen erwachsenen Schaulustigen vor allem die liebe Straßenjugend aus allen Richtungen der Windrose herbeigelockt. Schulter an Schulter umstand die Menge in respektvolle resp. von den anweisenden Polizeibeamten vorgeschriebene Entfernung den Platz, der Dinge harrend, die da kommen sollten. Auf der Mitte des für die „Löschprobe“ angewiesenen Terrains hatte man eine nach vorn offene, mit schrägem Dach versehene Holzbude und daneben einen hölzernen Schornstein errichtet, an welch´ beiden Objekten die Wirkung der Löschgranate erprobt werden sollte und zwar in Gegenwart einiger hierzu besonders eigeladener Herren. Erschienen waren u. A. die Herren regierungsrath Manitz, Stadträthe Hetschel und Dr. May, Stadtbaurath Klette, Stadtverordneter Möller und Branddirektor Thomas. Die „Vorstellung“ begann damit, daß man in der unteren Oeffnung des inwendig frisch getheerten Schlotes ein Feuer anzündete. Im Nu schlugen die Flammen oben heraus und es hätte wohl wenige Minuten zur vollständigen Einäscherung des Kastens genügt, wenn nicht rechtzeitig eine bzw. Zwei Feuerlöschgranaten in die Flamme geschleudert worden wären. Die Wirkung war die von den Veranstaltern des Experiments beabsichtigte, d. h. die Flammen erstickten augenblicklich. Hierauf ging man dem größeren Versuchsobjekte, der Holzbude, zu Leibe. Dieselbe war inwendig ebenfalls mit Theer angestrichen und zum Ueberfluß besprengte man Decke und Wände noch mittelst einer Handspritze mit Petroleum. Das Ganze bildete denn auch, nachdem man Feuer daran gelegt hatte, augenblicklich ein einziges Flammenmeer, von dem aus sich eine dicke, pechschwarze Rauchwolke über die Köpfe der unwillkürlich zurückweichenden Zuschauer hinwegwälzte. Nunmehr begann das Bombardement, eine Granate nach der anderen wurde in das Feuer geschleudert und mit der zehnten war der Brand als gelöscht zu verzeichnen. Das Publikum drückte seine Befriedigung durch laute Bravorufe aus. Etwas skeptischer stehen derartigen Experimenten natürlich Fachleute gegenüber. Eine Löschgranate zur rechten Zeit in den Brandherd geworfen, mag unter allen Umständen seine Vortheile haben, aber Bedingung ist dabei, daß man an den Brandherd auch herankommen kann und nicht, wie dies z. B. bei dem Brand der Kreuzkirche der Fall war, durch den Rauch zurückgetrieben wird. Die Löschgranate „Labbé“, deren Preis sich auf 40 Mk. per Dutzend stellt, ist ein runder Glasbehälter, welcher 600 Kubikcentimeter faßt, und mit Flüssigkeit angefüllt ist, die, sobald sie auf brennende Gegenstände fließt, unter der Einwirkung der Hitze eine große Quantität stickstoffhaltigen Gases erzeugt und so das Feuer erstickt. (DN)"

Sollten einmal richtige Bomben fallen, dann helfen auch auf der Gerokstraße keine Löschgranten mehr.
Krieg wird auch auf der Großen Brüdergasse ausgestellt:

"Im Schaufenster der bekannten Firma Julius Böhmer, Nachfolger Ottomar Gärtner, große Brüdergasse 22, fesselt ein interessantes Schaustück die Blicke der Passanten. Mit über 3000 Stück Bleisoldaten in bester Ausführung ist die Völkerschlacht bei Leipzig 1813 nach dem Plan historisch treu dargestellt mit der Erstürmung des Grimmaischen Thores. Alle Einzelheiten, der Reiterangriff unter Poniatowsky etc. wirken gewaltig. (DN)"

Auf der Striesener Porsbergstraße wurde ein Jubiläum gefeiert:

"Die Fabrik für Gewächshausbau und Heizungsanlagen von Thiers in Striesen vermochte am 1. April auf ihr 25jähriges Bestehen zu blicken. (DN)"

Eine Bombe wird morgen auch in der 1. Klasse der Mitagesserei gezündet. Eine Ananansbombe:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Fleischbrühe in Tassen mit gebackenen Käseschnitten. Hammelkoteletten mit Champignons. Forellen mit frischer Butter. Gebratenes Birkhuhn mit Salat. Bleichsellerie. Bombe von Ananas. – Für einfachere: Pökelfleisch mit Kohlkeimchen. (DN)"

Bombastisch auch der heutige Theaterspielplan:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang 7 Uhr: Die Regimentstochter. Sonne und Erde.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang 7 Uhr: Emilia Galotti.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Das grobe Hemd."

Zwischenfall auf der drüm´schen Elbseite:

"In eine mißliche Lage gerieth am Sonntag Mittag auf der Nordstraße ein Droschkenkutscher. Der Betreffende wollte daselbst den Wagen umlenken. Dabei stürzte das leere Gefährt um und zwar so unglücklich, daß der Kutscher vollständig zwischen Pferd und Wagen eingeklemmt ward. Es verstrich einige Zeit, ehe der Bedauernswerthe aus der schlimmen Lage befreit werden konnte. Beherzte Männer hielten das wild um sich schlagende Pferd am Zügel und endlich kam für den Kutscher, der ängstlich schrie, die Erlösung. (DN)"

Was berichtet uns die Polizei:

"Polizeibericht. Ein am 18. Januar hier festgenommener jüngerer Mann befand sich im Besitze einer Wattdecke, die eine Seite roth die andere bunt – sogenanntes türkisches Muster. Er will sie angeblich kurz vorher aus einem Hofraume der Bautzner Straße – das Haus konnte er nicht mehr beschreiben – gestohlen haben. Da eine diesbezügliche Anzeige hier nicht vorliegt, so wolle sich der Eigenthümer ehebaldigst bei der Kriminalabtheilung der Polizeidirektion melden. (DA)"

Ehebaligts. Auch ein ganz netter Ausdruck und ganz besonders nett findet der Verfasser dieser Presseschau dieses Inserat, gehört doch diese Marke des Gerstensaftes zu seinem Lieblingsbier:

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Montag, 5. April 1897

Es ist Montag und heute ist die Zeitung besonders dünn.
Den Wetterbericht einschließlich der Wettervorhersage, den gibt es nicht, aber dennoch wird vom Wetter gesprochen:

"Gestern früh in der ersten Morgenstunde zeigte das Thermometer im Dresdner Thalkessel 2 Grad Reaumur unter Null. In den höher gelegenen Vororten um Brießnitz-Leutewitz, erwies sich die Temperatur ziemlich – 3 Grad. Die Blüthe der Fruchtbäume steckt jedoch nch ziemlich tief in der braunen harzigen Umhüllung, sodaß der Frost wenig Schaden an dieser verursacht haben dürfte. Desto mehr litten die im Freilande (Gärten) stehenden Blumen."

Auch über den König äußerte man sich in den Zeitungen:

"Se. Majestät der König wohnte gestern Vormittag der Messe und Nachmittags der Predigt in der katholischen Hofkirche bei. Nach dem Vormittagsgottesdienste ertheilte der Monarch zahlreiche Audienzen an Civilpersonen. Um 6 Uhr fand bei Sr. Majestät Familientafel statt, an welcher Ihre Königl. Hoheiten Prinz Friedrich August und Johann Georg mit Gemahlinnen theilnahmen. Abends 9 Uhr 40 Min. trat der Monarch die Reise nach Baden-Baden an. Bis Leipzig bediente sich Se. Majestät eines Sonderzugs. In der Begleitung befinden sich die die Herren Flügeladjutant Major v. Larisch, Oberstabsarzt Dr. Selle und Legationssekretär v. Nostitz. (DN)"

Und über Fritze August, der zu seiner Lieblingsbeschäftigung eilen wird:

"Se. Königl. Hoheit Prinz Friedrich August wird demnächst in Elster zur Auerhahnjagd eintreffen. Die Auerhähne balzen schon seit 8 Tagen. (DN)"

Diese Federviecher gibt es bei uns morgen nicht, sondern:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Grüne Suppe. Fischer Spargel mit Eiersauce. Gebratene Hammelkeule mit Salat. Apfelsinen-Reis. Weincréme. – Für einfachere: Sagosuppe. Gebackene Hefenklöse mit Heidelbeeren. (DN)"

Bleibt noch das ewige Theater:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang 7 Uhr: Odysseus´ Heimekehr.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Die versunkene Glocke.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Das grobe Hemd."

Die heilige Hermandad meldet uns nichts, dafür die Florianjünger:

"Gestern Vormittag in der 10. Stunde rückte ein Löschzug der Feuerwehr zu einem in einer Wohnung des Grundstückes Oscarstraße 8 entstandenen Brande aus. Durch denselben wurden die Gardinen eines Fensters vernichtet und einige Möbel beschädigt. Die Gardinen waren durch Luftzug in eine brennende Haarkräuselmaschine getrieben worden und dabei in Brand gerathen. Der Feuerwehr blieb nicht viel zu thun übrig, da es noch vor ihrem Eintreffen den Hausbewohnern gelungen war, den Brand selbst zu unterdrücken. (DN)"

In Onkel Schnörkes Briefkastenecke steht heute auch nur Müll, Schwofen gehen ist bis zum Ostersonntag verboten, aber nicht die Spekulation:

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Sonntag, 4. April 1897

Die bange Frage nach dem Sonntagswetter? Natürlich, wie kann es sein im April:

"Da am 2. April unter vorwiegend trübem Wetter mit zeitweisen Regen- und Schneefällen von früh an eine beständige Wärmeabnahme stattfand, lagen die Minima der vorhergehenden Nacht meist höher als die Mitteltemperaturen. Die ersteren betrugen 7,5 Gr. (Dresden, Bautzen) bis – 1 Gr. (Fichtelberg). Die letzteren gingen von 8 Gr. (Bautzen) herab bis – 3 Gr. an der Hochstation. Das Maximum trat mit 19,1 Gr. (Bautzen) ein. Schneetiefen Reitzenhain 10, Fichtelberg 40 Cmtr. Die Druckvertheilung ist eine äußerst unregelmäßige. Zwei gebiete niederen Drucks unter 745 mm. lagern im Westen und Südosten, relativ hoher Druck über 755 Mm. erstreckt sich von Südfrankreich über Bayern, Böhmen und Sachsen nach Nordwestdeutschland und auch über dem nordöstlichen Schottland befindet sich ein Maximum des Luftdrucks. Da wir unter dem Einfluß der südöstlichen Depression stehen, herrscht bei westlichen Winden am Morgen zwar heiteres und infolge der Aufklarung während der Nacht kühles Wetter, doch haben im Laufe des Vormittags Niederschläge mit Sonnenschein abgewechselt und bleibt die Wetterlage trotz der Ablenkung der Winde über England noch immer zu gleicher Witterung geneigt.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 11 Gr. Wärme, niedrigste 1 Gr. Wärme. Sonnenschein, wechselnd mit Regen, Schneefall und Graupeln. Nordwestwind. (DN)"

Der König war im Neustädter Hoftheater:

"Se. Majestät der König besuchte gestern Abend die Vorstellung „Zopf und Schwert“ im Neustädter Hoftheater. (DN)"

Oder hat sich doch Zarathustra angehört:

"Se. Majestät der König, Ihre k. u. k. Hoheit die Frau Prinzessin Friedrich August und Ihre königliche Hoheit die Frau Prinzessin Johann Georg wohnten gestern dem Sinfoniekonzerte der königlichen musikalischen Kapelle im Opernhause bei. (DA)"

Nee, die zweite Meldung bezog sich auf Vorgestern.
Es gab was Ordentliches zu trinken. Auf der Königlichen Tafel:

"Herr Restaurateur Müller vom Zacherlbräu, König-Johann-Straße, hat in diesen Tagen der königlichen Hofwirthschaft ein Fäßchen Salvator für Se. Majestät dem König übergeben. Das Bier wurde zur Tafel servirt und Se. Majestät sprach sich sehr lobend über dasselbe aus. (DA)"

Carola ist auf dem Heimweg:

"Ihre Majestät die Königin ist nach aus Marseille eingegangener Nachricht vorgestern Abend in bestem Wohlsein daselbst eingetroffen und hat gestern Vormittag die Reise über Avignon nach Lyon fortgesetzt. (DN)"

In der Stallstraße wird schon gebaut, in der Waisenhausstraße noch abgerissen:

"Das an der Stallstraße im Bau begriffene neue Gebäude für die königliche Zoll- und Steuerdirektion ist in den letzten Wochen bedeutend herangewachsen. Nachdem die sehr schwierigen Gründungsarbeiten den ganzen vergangenen Sommer in Anspruch genommen hatten und sich beinahe bis zum Spätherbste ausdehnten, ist das Untergeschoß, das Erdgeschoß und das erste Gestock, beinahe auch das zweite aufgemauert, so daß das umfängliche Gebäude in wenigen Wochen unter Dach kommen wird. – Auf dem zum Leipziger Bahnhofe gehörigen Areale ist ein schmuckes Haus aus dunkelrothen Schmuckziegeln für die Güterverwaltung ebenfalls recht rasch ausgeführt worden und dürfte in Kürze seiner Bestimmung zugeführt werden. – Beinahe noch rascher wie die Neubauten sich erheben, erfolgt der Abbruch zahlreicher Gebäude. So werden gegenwärtig die Grundstücke an der Waisenhausstraße 6 und 10 niedergelegt, um mit dem großen Gartenareale der dazwischen liegenden Nr. 8 als Bauplatz für ein dem Victoria-Salon ähnliches Etablissement zu dienen. (DA)"

Auch die Interimskirche an der Stiftstraße ist schon so gut wie fertig:

"Der Bau einer Interimskirche für die Jacobigemeinde ist auf dem Gartenareale der ehemaligen Ehrlichen Schule an der Stiftsstraße nunmehr in Angriff genommen worden. Da das die Grundform bildende Holzwerk bereits zusammengefügt dasteht, wird das Kirchlein im nächsten Monat in Gebrauch genommen werden und die alte Kirche abgebrochen werden können, um Platz für den Neubau zu schaffen. (DNN)"

Auch in Loschwitz werden Baugerüste aufgestellt, so zu Beispiel in der Loschwitzer Schillerstraße:

"Das Schillerhäuschen in Loschwitz wird jetzt umrüstet, um einige äußerliche Schäden auszubessern, die Alter und Wetter an der ehrwürdigen Stätte, in welcher der große Dichter an seinem Don Carlos arbeitete, verursachten. Besonders das Dach war schadhaft geworden. (DA)"

Der April hat eben erst begonnen und die Umzüge sind schon so gut wie abgeschlossen:

"In der Hauptsache dürfte der Osterumzug, der eigentlich schon seit Wochen begonnen wurde, nunmehr vollendet sein. Da an größeren und mittleren Wohnungen kein Mangel ist und vor dem 1. April schon manches Logis in Neubauten bezugsfähig geworden ist, so konnten die Umziehenden rechtzeitig ihre neuen leerstehenden Quartiere beziehen und wiederum Raum für Andere schaffen. Diese Glücklicheren kamen, weil nicht in drängenden Periode kurz vor oder nach dem Quartalwechsel der Umzug bewirkt wurde, mit weniger Kosten weg, denn während der letzten 8 Tage waren die Umzugspreise ziemlich hohe, weil Möbelwagen absolut nicht mehr zu erlangen und Transporteure, d. h. geübte, rar waren. So regeln sich eben hier die Preise genau wie bei anderen Dingen nach Angebot oder Nachfrage. Die Inhaber kleiner Wohnungen, welche Letztere immer noch knapp sind, mußten sich mit dem Umzug auf wenige Tage beschränken. Da sah man manches wackelige Gefährt durch die Straßen ziehen, und Jupiter Pluvius, der, der jetzt regierende der himmlischen Götter, hatte kein Einsehen, er durchnäßte die habe oft gar sehr. So viel wir beobachten konnten, war der Quartierwechsel ein ziemlich umfänglicher und erstreckte sich von der Stadt bis in die weiteren Vororte und umgekehrt. Die Zeit großer Zinssteigerungen dürfte, Gott sei dank, hinter uns liegen, und wenngleich der Grund und Boden immer noch im Preise in die Höhe geht, an mittleren und größeren Wohnungen ist ein Ueberschuß vorhanden, der entschieden paralisirend auf die Preise einwirkt. Es wäre nur zu wünschen, daß auch mehr kleinere Wohnungen gebaut würden, damit wenigstens Ersatz geschaffen würde für die Hunderte von kleineren Logis, die durch den Abbruch vieler alter Häuser verloren gehen. Dafür sind allerdings die Aussichten sehr gering, denn die baupolizeilichen Vorschriften der Gegenwart sind auf ganz andere hygienische Forderungen aufgebaut, wie die früheren. Hier können entschieden nur gemeinnützige Bauvereine und ähnliche Bestrebungen verfolgende Corporationen eine Besserung schaffen helfen, d. h. die Erbauung kleinerer Wohnungen fördern; von Privatleuten und Speculanten ist bei der Höhe des Grundwerthes nichts zu erwarten. Erfreulicherweise besitzt Dresden eine größere Anzahl solcher in dieser Hinsicht wirkende Vereine und Stiftungen. (DNN)"

Jetzt wird wohl bald das Fassbier knapp werden. Wie schon angekündigt, legen in einigen Dresdner Brauereien die Böttcher die Arbeit nieder:

"Vom Böttcherstreik. In den Brauereien Hofbrauhaus, Reisewitz und Gambrinus legten gestern sämmtliche Böttcher die Arbeit nieder. (DNN)"

Na hoffentlich weitet sich der Streik nicht auf unsere Hausfrauen aus:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Suppe mit Semmelklöschen. Fricassee von Kalbfleisch im Reisrand. Marinirte Schweinslendchen mit Salat. Weincréme. – Für einfachere: Griessuppe. Hammelragout mit Kartoffeln. (DN)"

Bevor wir zum Theaterzettel kommen, zunächst eine traurige Meldung aus Wien:

"Johannes Brahms, dessen schwere Erkrankung wir kürzlich meldeten, ist gestern (Sonnabend) Vormittag in Wien gestorben. Johannes Brahms, am 7. Mai 1833 in Hamburg geboren, erfreute sich als Pianist der lebhaftesten Unterstützung und Bewunderung Joachims, Robert Schumanns und Liszts. Seine Compositionen, Instrumentalwerke, Chorwerke, Clavierwerke, Lieder, zeichnen sich durch echt künstlerische, geschlossene Form, quellende Melodik und Farbenreichthum der harmonischen Effecte aus. Nur die Dramatik blieb ihm verschlossen, sonst hat er auf allen Gebieten Werke von hoher Schönheit und bleibendem Werth geschaffen. Am meisten geistesverwandt erscheint Johannes Brahms dem großen Liszt. Als Contrapunktist von vollendeter Meisterschaft und geistreicher Erfindung ist Brahms von kaum einem der Neueren übertroffen. (DNN)"

Am Karfreitag wächst der spätere Römhildchor wieder einmal über sich hinaus:

"Ein interessantes Concert steht dem Dresdner Publikum am Charfreitage in Aussicht. Der Lutherkirchenchor bringt erstmalig in Dresden Franz Schuberts große Messe in As-dur, sowie erstmalig in Deutschland Georg Henschels „Stabat Mater“ zu Gehör. In Letzterem werden das Künstlerpaar Georg und Lillian Henschel aus London, sowie die Dresdner Hofopernsängerin Charlotte Huhn mitwirken. (DNN)"

Ein Jubiläum steht auch noch an:

"Das Residenztheater Dresden wurde am 16. Mai 1872 unter dem Namen „Herminiatheater“ eröffnet. Dasselbe blickt mithin auf ein 25jähriges Bestehen zurück. Im März 1878 wurde das Unternehmen öffentlich versteigert und gelangte um den Preise von 100.000 Thaler in den Besitz des Kaufmanns Baruch Heller, dem es gegenwärtig noch gehört. Der neue Besitzer ließ den Kunsttempel wesentlich umgestalten und am 2. October desselben Jahres wurden die Vorstellungen unter Dr. Müllers Leitung wieder aufgenommen. (DNN)"

Aber nun zum heutigen Theaterprogramm:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang 7 Uhr: Der Prophet.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Die versunkene Glocke.
Residenz-Theater: Nachmittags. Anfang ½ 4 Uhr: „Eine tolle Nacht“; Abends: Anfang ½ 8 Uhr: Das grobe Hemd."

Was meldet und heute die Polizei:

"Polizeibericht.  In den letzten Tagen hat in der Johannstadt eine Frau Schwindeleien dadurch verübt, daß sie Kinder in beliebige Geschäfte mit Briefe geschickt hat, in welchen sie sich als Gendarms-Ehefrau Kunath ausgegeben und um ein Darlehen von 25 Mk. gebeten hat. In einem Falle sind dem Kinde, welches den Brief gebracht hat, auch 25 Mk. ausgehändigt worden, und die Briefschreiberin, die, wie sich später herausgestellt hat, gar nicht die angegebene Frau Kunath ist, hat das Geld auf der Straße in Empfang genommen. Die Schwindlerin wird 25 bis 30 Jahre alt beschrieben, soll ein braunes Jacket getragen und auf beiden Wangen einen rothen Fleck haben. Wenn diese Frau wieder auftreten sollte, so bittet man sie auf geeignete Weise festzuhalten und den nächsten Polizeibeamten zu benachrichtigen. – Am 23. v. M. ist vom hiesigen Leipziger Bahnhofe weg ein H. W. 9510. gekennzeichnter Ballen baumwollene Waaren abhanden gekommen, beziehentlich gestohlen worden. – Am 27. v. M. ist von dem Güterboden des hiesigen Schlesischen Bahnhofes eine L. Höhne gezeichnete Kiste mit Eiern vermuthlich gestohlen worden. – Am Donnerstag hat sich in Antonstadt ein 2 ½ Jahre altes Kind mit heißem Wasser verbrannt und ist an den erlittenen Verletzungen heute früh in der Diakonissenanstalt verstorben. – Am Freitag Nachmittag lief unweit der Stadtgrenze nach Blasewitz zu ein Mann in die Elbe um sich zu ertränken, wurde aber durch die Fischermeister Dacher und Weser, welche in dem Kahne nachfuhren, wieder herausgezogen."

Am Dienstag wird in der Gerokstraße eine Bombe geworfen. Eine Löschbombe:

"Am Montag Nachmittag ½ 4 Uhr findet auf dem Platze der alten Vogelwiese (Gerokstraße) eine Feuerlöschprobe, ausgeführt mit Granate Labbé statt. (DA)"

Jeder Popel fährt ´nen Opel:

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Sonnabend, 3. April 1897

Nun schaut euch nur diesen blöden Wetterbericht an:

"Der erste April brachte bei wechselnder Bewölkung überall Niederschläge und eine weitere Wärmezunahme. Die Minima der Temperatur gingen von 7 Gr. (Dresden) herab bis – 0 Gr. (Fichtelberg). Ihre Mittelwerthe lagen zwischen 12 Gr. und 1,5 Gr. an denselben Stationen und das Maximum wurde in Chemnitz mit 14,2 Gr. erreicht. Schneetiefen: Reitzenhain 12, Fichtelberg 40 Cmtr. Inmitten eines relativen Hochdruckgebiets über dem westlichen Theile der britischen Inseln besteht noch immer eine flache Depression in der irischen See fort, während sich der tiefe Druck im Norden nach Nordosten verlegt hat (Minimum Memel 738 Mm.) und in einer von Rußland bis nach Norddeutschland verlaufenden schmalen Zunge die Wetterlage im östlichen Kontinent beherrscht. Eine von Norden über Südwesten kommende Strömung bringt wolkiges bis trübes Wetter, bei uns mit abnehmbarer Temperatur und Niederschlägen im Laufe des Vormittags verbunden. Bei dem hohen Druck im Westen und der tiefen Depression im Nordosten ist der Fortbestand dieser Wetterlage wahrscheinlich.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 8 Gr. Wärme, niedrigste 5 Gr. Wärme. Bedeckt, stürmisch. Nord-Nordwestwind. (DN)"

Was tat sich im Königshause:

"Se. Majestät der König nahm gestern Vormittag die Vorträge der Herren Staatsminister, sowie militärische Meldungen im Residenzschlosse entgegen. Nachmittags 2 Uhr empfing Se. Majestät den neuernannten Militärinspekteur der freiwilligen Krankenpflege im Kriege, Herrn Friedrich Grafen zu Solms-Baruth auf Klitschdorf, Excellenz, in Audienz. Der genannte wurde mit einer Einladung zur Tafel ausgezeichnet. (DN)"

Von Carola wird berichtet:

"Nach den aus Kap Martin eingetroffenen Nachrichten über die Reise Ihrer Majestät der Königin nach Baden-Baden gedachte sich die hohe Frau gestern Nachmittag 2 Uhr von Mentone nach Marseille zu begeben. Ihre Majestät wird im Grand Hotel du Louvre Wohnung nehmen. Heute Vormittag 10 Uhr 45 Minuten wird die Reise über Avignon, wo ein dreistündiger Aufenthalt stattfindet, nach Lyon fortgesetzt. Die Ankunft in Lyon erfolgt Abends 9 Uhr 56 Minuten, Wohnung wird im Grand Hotel du Lyon genommen. Die Abreise von Lyon ist für Sonntag Abends 7 Uhr 18 Minuten in Aussicht genommen. Die Weiterfahrt geht über Belfort-Straßburg und es erfolgt die Ankunft in Baden-Baden am 5. April Nachmittags 2 Uhr 30 Minuten. Se. Majestät der König, welcher am Sonntag den 4. April Abends von Dresden abzureisen gedenkt, trifft am 5. April Vormittags 11 Uhr 10 Minuten in Baden-Baden ein, wo beide Königliche Majestäten im Hotel de l´Europa Wohnung nehmen. (DN)"

Außerdem wurde wieder Geld rausgeschmissen:

"Ihre Kaiserl. und Königl. Hoheiten die Frau Großherzogin von Toskana und die Frau Prinzessin Friedrich August besuchten gestern Vormittag die Oster-Ausstellung des Hoflieferanten J. Olivier. Nachmittags hat die Frau Großherzogin die Rückreise nach Salzburg angetreten. (DN)"

Von nun an ist die Festung Königstein wieder bis auf die letzten Felszacken, also bis auf die Zähne, bewaffnet:

"Königstein. Die am 1. und 2. d. M. aus Zwickau und Straßburg mit besonderen Militärzügen hier eingetroffenen zwei Halbbataillone der Regimenter 133 und 105, welche von nun an als 2. Bataillon des 177. Regiments die ständige Garnison der Festung Königstein bilden, wurden auf hiesigem Bahnhofe von der Stadtvertretung und dem Militärvereine empfangen und begrüßt und unter Vorantritt der Letzteren durch die festlich und überreich mit Ranken, Fahnen und Ehrenpforten geschmückten Straßen der Stadt nach der Festung begleitet. Das bisherige Wachkommando, welches im monatlichen Wechsel von den Regimentern 102 und 103 gestellt wurde, ist in seine Garnison zurückgekehrt. (DNN)"

Etwas Angenehmeres. Der elektrische Straßenbahnbetrieb (mit Oberleitung) hat sich weiter ausgebreitet:

"Von heute ab fahren die Motorwagen nach der Grenadierkaserne von der Haltestelle Güntzplatz (reformirte Kirche) ab und zwar wie bisher ab Güntzplatz: von 6:30 Vorm. bis 12 Uhr Vorm. und von 8 Uhr Nachm. bis 11:30 Uhr Nachm. alle 10 Minuten von 12 Uhr Vorm. bis 8 Uhr Nachm. alle 6 Minuten; ab Grenadierkaserne: von 6:20 Vorm. bis 12 Uhr Vorm. und von 8 Uhr Nachm. bis 11 Uhr Nachm. alle 10 Minuten, von 12 Uhr Vorm. bis 8 Uhr Nachm. alle 6 Minuten. Als neue Haltestelle tritt diejenige auf der Friedrichsallee am Georgplatz hinzu. (DN)"

Am Hauptbahnhof wird zwar weiter emsig gebaut, aber am Bismarckplatz wurden schon weitere Läden in den Bahnbögen bezogen:

"Von den Verkaufsläden der Staatsbahnverwaltung, welche sich am Bismarckplatze nach der Strehlener Straße hinziehen, sind mit dem gestrigen Tage wiederum drei bezogen worden, so daß nunmehr fünf Stück Abnehmer gefunden haben. Die gestern hinzugekommenen Firmen sind die Kunsthandlung von A. Ernst, vormals Prager Straße, die Blumenhandlung von Anna Sorge und die Malz-Grossohandlung von Julius Großmann. (DA)"

Und noch etwas von der Eisenbahn. Zufriedenstellend und ohne tagelanger Außerbetriebnahme der Strecke wegen Weichen- und Signaländerungen wurde der Spurwechsel auf der Strecke nach Königsbrück vollzogen:

"Die Eröffnung des vollspurigen Betriebs auf der bisherigen Schmalspurbahn Klotzsche – Königsbrück hat am Nachmittag des 1. April planmäßig und ohne Anstand stattgefunden. Alle entbehrlichen Schmalspurbahn-Fahrzeuge hatte man bereits am Tage vorher abgefahren, denn ihnen schwand sozusagen der Boden unter den – Rädern. Mit dem 1 Uhr 42 Min. in Klotzsche eintreffenden Personenzug und einer ihm folgenden Draisine war die Bahn von Schmalspurigen Fahrzeugen geräumt. An vielen Stellen traten Arbeiterkolonnen, von Schachtmeistern und Vorarbeitern geführt, an und bewirkten die Anschlüsse der Gleise und die Beseitigung von Schmalspurgleisen mit Kiesrampen auf den neuen eisernen Brücken. Um 2 Uhr 30 Min. Nachm. fuhr der Prüfungszug von Klotzsche ab, dem 3 Uhr 36 Min. der fahrplanmäßige Personenzug als erster Vollspurzug, gezogen von einer 420 Centner schweren dreiachsigen Tenderlokomotive folgte. Die Fahrten verliefen in jeder Hinsicht zufriedenstellend, unter reger Theilnahme der Bevölkerung und bei plötzlich eingetretenem prächtigen Wetter. Gestern wurden alle für den Güterverkehr erforderlichen Gleisumlegungen und Weichenverbindungen auf den Verkehrsstellen fertiggestellt, so daß auch für diesen Verkehr durch den Umbau keine Unterbrechung in der Beförderung verursacht worden ist. (DN)"

Wie jetzt. Ich hoffe man überlegt sich das noch mal. Aber bei den Dresdner Stadtoberen ist alles möglich: Das Coselpalais soll nach dem Auszug der Polizei abgerissen werden:

"Der Kolossalbau des neuen Dresdner Polizeipalastes ist in Folge der riesigen Ausdehnung des Gebäudes nur langsam vorwärtsgeschritten, so daß man, obwohl schon über zwei Jahre an dem neuen Heim der heiligen Hermanndad gearbeitet wird, doch kaum vor Ablauf der nächsten drei Jahre das Gebäude wird beziehen können. Hierauf wird das Polizeigebäude hinter der Frauenkirche abgebrochen, sodaß die neue Königliche Akademie der bildenden Künste das Albertinum vollständig freigelegt werden. Mit dem Abbruche des alten Polizeigebäudes schwindet eines der interessantesten Gebäude vom Erdboden. Ebenso dürfte hiermit die bekannte Dresdner Redensart: „Du kommst hinter die Frauenkirche“, der Vergangenheit anheimfallen. (DNN)"

Die im vergangenen Jahr eingerichtete Fahrschule in Blasewitz macht sich prächtig:

"In der Fahrlehranstalt für das Königreich Sachsen im Gasthof zu Blasewitz beginnt am 6. April ein neuer Cursus. Die Anstalt erfreut sich regen Zuspruchs seitens der Herrschaften, welche gut ausgebildete Kutscher von dort bezogen haben, und auch seitens der Kutscher. Bis jetzt wurden 18 ausgebildete Leute in gute Herrschaftsstellen nach Dresden, Zittau, Chemnitz, Leipzig etc. verlangt. Der Nutzen der Anstalt wird allseitig anerkannt, da die Anstalt ihr Hauptaugenmerk darauf richtet, gute Gebrauchskutscher auszubilden. (DNN)"

Wir blicken zum Zoo, wo ja morgen der nicht ganz so billige billige Sonntag ist:

"Seit dem 25. März erfolgt in unserem Zoologischen Garten die diesjährige Ausgabe des Jahres- und Saison-Abonnements, auf welches wir auch an dieser Stelle noch hinweisen wollen. Es werden Familien-Jahreskarten ausgegeben für 20 Mk. Dieselben umschließen Vater, Mutter und Kinder, mit alleiniger Ausnahme der Söhne über 18 Jahre, für welche indeß Anschlußkarten zu 8 Mk., gleichwie für alle anderen die Wohnung des Abonnenten etwa noch theilenden Familienglieder zu entnehmen sind. Gleichen Preis zahlen auch ohne Anschluß die Herren Einjährig-Freiwilligen und Studirende. In ganz gleichem Personenverhältniß reiht sich ferner das vom 1. April bis mit 30. September laufende Saison-Abonnement an, wovon die Familienkarte 16 Mark, und die Anschlußkarte für, wie vorstehend erwähnte ältere Söhne, sowie für Einjährig-Freiwillige und Studirende 6 Mk. kostet. Karten für einzelne Personen aber werden für das Jahr zu 10 Mk., für die Saison zu 8 Mk. ausgegeben, während zu allen Einzel- wie Familienkarten für die bei dem Entnehmer dienenden Personenkarten zu 3 Mk. gelöst werden können. Sämmtliche genannte Karten aber berechtigen gleichmäßig während ihrer Zeitdauer ohne jede Nachzahlung zum täglichen Besuch des Gartens, der Concerte und der etwaigen Schaustellungen. Mögen diese Details dazu beitragen, dem Garten auch in diesem Jahre recht viel Abonnenten zuzuführen. Im Uebrigen sei noch bemerkt, daß am morgenden Sonntag der Eintrittspreis in den Garten nur 25 Pfennige beträgt, wobei die Leibgrenadierkapelle von Nachmittags 4 – 9 Uhr concertirt."

Auf der Striesener Straße hat ´ne neue Kneipe aufgemacht:

"Am Donnerstag Abend wurde in der Johannstadt ein neues Etablissement unter dem Namen „Johannstädter Kasino“ eröffnet, welches als eine Zierde dieses Stadttheils gelten und durch seine ganze Anlage Anspruch auf eine gute Zukunft erheben darf. Das von dem seitherigen, vielen Dresdnern wohlbekannten Oberkellner Fritz Leim neu errichtete Café und Restaurant befindet sich in dem Albrechtschen Hause an der Ecke der Striesener und Stephanienstraße, gegenüber der Carola-Apotheke, und zeichnet sich nicht nur durch seine außerordentliche günstige Lage, sondern auch durch eine vornehme und gediegene, allen Ansprüchen an Komfort angepaßte Ausstattung aus, zu welcher eine große Anzahl ausschließlich Dresdner beziehungsweise Johannstädter kunstgewerblicher Firmen beigetragen haben. Vor allem fällt jedem Besucher die stilvolle Eleganz der Räume (Speisesaal, Kaffeezimmer, Restaurationszimmer, Billardsaal u. s. w.) auf, die in ihrer Gesammtanlage von Herrn Baumeister Seifert (Striesener Platz 10) entworfen worden sind. Die schönen Stuccaturen der Säle und des Treppenhauses sind von C. A. Ziller-Blasewitz und Gielsdorf, Schwalb u. Co. ausgeführt. Die in den zartesten Tönen gehaltenen Dekorationsmalereien von den Firmen Richard Groll und Buchholz, die Tischlerarbeiten von Hermann wagner und Ernst Rämisch. Das Buffet lieferten Anders u, Rothhaupt, die Schlosserarbeiten G. W. Uhle, die Gaseinrichtung J. G. Trautmann, die Kronleuchter K. A. Seifert, die Tapezier- und Dekorationsarbeiten C. J. Rosenkranz, die Firmenmalereien Hermann Kotte, die Centralheizung Ingenieur Perthen, die Klosetanlagen B. A. Lochner, die gesammte Einrichtung an tafeln, Tischen und Stühlen Otto Opfer, die Porzellane und Geschirre Hugo Gultzes u. s. w. Zur Eröffnungsfeier hatte sich eine große Anzahl von Gästen aus den besten Kreisen der Johannstadt, sowie von Lieferanten, Geschäftsfreunden und Kollegen des Herrn Restaurateurs Leim eingefunden, der die Erschienenen herzlich bewillkommnete und seinen Freunden für die zahlreichen Blumenspenden und Glückwünsche zum Eröffnungstage mit warmen Worten dankte. Andererseits wurde von den Gästen Herrn Leim und seiner Gattin eine herzliche Ovation zu theil, die in dem Wunsche ausklang, daß das neue Unternehmen von recht guten Erfolgen begleitet und den Johannstädtern zu einem recht vergnügten Sammelpunkte werden möge. (DA)"

Am morgigen Sonntag gibt es bei uns auch was Anständiges:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Suppe mit verlorenen Eiern. Rouladen von Steinbutt mit Austern. Gebratener Kapaun mit Kompot und Salat. Brennenden Pudding mit Weinschaum. – Für einfachere: Grüne Suppe. Gebratene Hammelkeule mit Selleriesalat. (DN)"

Theater könnt ihr auch haben:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang ½ 8 Uhr: Der fliegende Holländer.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Zopf und Schwert.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Das grobe Hemd."

Einen gemausten Hund, ein vermisstes Fräulein - welches vielleicht schon gar nicht mehr lebt - und einen Gehängten. Das meldet uns heute die Polizei:

"Polizeibericht. Am 16. vorigen Monats abends gegen 6 Uhr ist auf der Zwingerstraße hier ein schwarzer Hund, Rattler, mit einem weißen Fleckchen an der Brust, Beißkorb, Leibgurt, Steuermarke Nr. 3066, auf den Namen „Männe“ hörend, gestohlen worden. – Seit dem 24. März wird ein 20 Jahre altes Mädchen vermißt. Ohne jeden Grund hat es sich heimlich von der Dienstherrschaft entfernt, ist kurze Zeit bei einer Verwandten aufhältlich gewesen und auch da plötzlich unter Zurücklassung des Dienstbuches ohne Abschied fortgegangen. Vermuthet wird, daß das Mädchen Selbstmord begangen hat, da es in letzter Zeit schwermüthig gewesen ist. Die Verschwundene ist mittelgroß, von kräftiger Gestalt, hat blondes Haar, blaue Augen, vollständige Zähne und trug zuletzt schwarzes Stoffkleid, braunes Jacket, blau- und weißgestreifte Shawl, Handschuhe und weißes Leinwandhemd, „E. W.“ gezeichnet. – In der sogenannten „Pieschener Allee“ im großen Ostragehege hat sich verwichene Nacht ein 22 Jahre alter Mensch erhängt. (DA)"

Dresden hat einen Hund zu wenig, Löbtau hat einen Vierbeiner zu viel:

"Löbtau. Im Hundezwinger hiesiger Gemeinde ist seit einigen Tagen wieder ein großer schwarzer Hund untergebracht, dessen Besitzer sich noch nicht gemeldet hat. (DNN)"

Die neue Feuerwache in der Johannstadt hatte ihre Feuertaufe:

"Heute Abend gegen 7 Uhr wurde die Feuerwehr nach Holbeinstraße 77 gerufen. Es war dort an einer Eingangsthüre eine Ranke auf unermittelte Weise in Brand gerathen. Bei Ankunft der Feuerwehr war der Brand in der Hauptsache gelöscht. Die neue Wache in der Dürerstraße ist zum ersten Mal von dort nach der obigen Brandstelle ausgerückt. (DA)"

Morgen auf nach Striesen. Auf in den Kaiser Barbarossa und auf, der neue Militärkapelle des Meisters Röpenack zu lauschen:

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Freitag, 2. April 1897

Ein ungemütliches Wetter bahnt sich an. Auch am zweiten Tag zeigt der April seine typische Seite:

"Auf einen heiteren Vormittag folgte am 31. März Nachmittags zeit- und stellenweise Trübung mit vereinzelten Niederschlägen, die sich am Abend allgemeiner und stärker einstellten. In der vorvergangenen Nacht war mehrfach Frost eingetreten; die Minima lagen zwischen + 1 Gr. (Bautzen) und – 5,5 Gr. (Fichtelberg), doch fand im Laufe des Tages eine rasche Wärmezunahme statt, sodaß die Mitteltemperaturen 0 Gr. (Fichtelberg) bis 4,5 Gr. (Dresden) betrugen und im Maximum 12,8 Gr. (Leipzig, Chemnitz) erreicht wurden. Schneetiefen: Reitzenhain 4, Fichtelberg 50 Cmtr. Vom Südlichen Kanal, wo das Minimum des Luftdrucks mit 732 Mm. bei Cherbourg lagert, breitet sich tiefer Druck unter 740 Mm. über den westlichen Continent aus und auch die skandinavische Halbinsel hat ein gleiches Minimalgebiet aufzuweisen. Die höchsten Barometerstände werden bereits mit 752 mm. im Südosten und mit 747 mm. im Nordwesten der britischen Inseln erreicht. Da wir uns unter dem Einfluß einer südlichen Strömung befinden, herrscht bei zunehmender Temperatur wolkiges Wetter ohne wesentliche Niederschläge, doch läßt die Nähe der ausgebreiteten Depression im Westen von uns die Wetterlage weiterhin zu feuchter Witterung geneigt erscheinen.
Aussichten: Sturm resp. Regen. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 18 Gr. Wärme, niedrigste 9 Gr. Wärme. Vormittags Regen, Nachmittags Aufheiternd. Südwestwind. (DN)"

Onkel Albert reist ab, um Tante ´Rola abzuholen:

"Se. Majestät der König gedenkt am Sonntag Abend nach Baden-Baden zu reisen, um daselbst mit Ihrer Majestät der Königin zusammenzutreffen. Die Königin verläßt heute Abend 11 Uhr 43 Minuten Mentone und beabsichtigt über Marseille – Lyon – Dison – Belfort – Straßburg am 5. April in Baden-Baden einzutreffen. Die Rückkehr Ihrer Königlichen Majestäten nach Dresden erfolgt in der Charwoche. (DN)"

Die Frau Kaiserliche und Königliche Prinzessin war einkaufen:

"Ihre Kaiserl. Königl. Hoheit Frau Prinzeß Friedrich August beehrte die Firma Lisbeth Weigandt und Co., Königl. Hoflieferanten, mit Einkäufen. (DN)"

Noch einmal der König und über den Familienbesuch im Theater. Natürlich ohne Fritze August, der sich doch nur gelangweilt hätte:

"Der gestrigen Aufführung der „Versunkenen Glocke“ im Königl. Schauspielhaus wohnten Se. Majestät der König, Ihre kaiserl. Hoheit die Frau Großherzogin von Toskana und Ihre Kaiserl. Königl. Hoheit Prinzeß Friedrich August bei. Die Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften folgten der Vorstellung mit lebhaftestem Interesse und spendeten verschiedentlich Beifall. (DN)"

Weg mit dem Dreck. Gemeint sind die jahrhundertealten Bruchbuden in der Großen Brüdergasse und der Rosmaringasse. Schafft endlich ordentliche Verkehrsschneisen durch die Innenstadt und so könnte auch der Neumarkt endlich mal aufleben:

"Neue Baufluchtlinien sind bekanntlich seitens des Rathes für verschiedene Straßen der Stadt festgesetzt worden. Diese neuen Bestimmungen kommen bereits bei dem in der Waisenhausstraße geplanten Neubau des Variététheaters in Anwendung, obwohl gerade in der Waisenhausstraße an der fraglichen Stelle kein allzustarker Verkehr herrscht. Jedenfalls wird durch diese neuen Bestimmungen des Rathes das Augenmerk auf die verkehrsreichste Straße der Stadt, auf die Wilsdrufferstraße gelenkt, welche seit Jahren dringend einer Entlastung bedarf. Das Stadtverordneten-Collegium hat sich schon oft mit dieser Frage beschäftigt, deren Lösung von Tag zu Tag dringender und nothweniger wird. So kam diese Angelegenheit bereits vor Jahresfrist in einer geheimen Sitzung, in welcher über den Ankauf des Stadtwaldschlößchens berathen wurde, zur Sprache. Schon damals trat Herr Stadtrath Raschke für eine Entlastung der verkehrsreichen Wilsdrufferstraße ein und zwar schlug er vor, die Große Brüdergasse zu verbreitern und hierdurch einen großen Theil des enormen Verkehrs von der Wilsdrufferstraße abzulenken. In anerkennenswerther Weise hatte sich Herr Stadtrath Raschke darüber orientirt, daß die Verbreiterung der Großen Brüdergasse einschließlich der Frauenstraße und Rosmaringasse für dasselbe Geld durchzuführen sei, für welche man eine Verbreiterung er Wilsdrufferstraße ausführen könnte. Nach dem Plane würde die Verbreiterung der Wilsdrufferstraße (gemeint ist die Große Brüdergasse, M. S.) bei der Sophienkirche beginnen und direct bis zu dem jetzt wenig belebten Neumarkt durchgeführt werden, wodurch sich eine ganz bedeutende Entlastung der Wilsdrufferstraße ergeben würde. Der Ankauf der hierzu nöthigen Grundstücke würde für die verhältnismäßig geringe Summe von 11 Millionen Mark möglich sein, während die eine Seite der Wilsdrufferstraße welche nur halb so lang ist, ebensoviel kosten würde. Dresden würde bei Durchführung dieses Projectes um eine neue prächtige Geschäftsstraße reicher sein, der todte Neumarkt würde belebt und der Verkehr aus der inneren Stadt würde sich auf die Moritzstraße, die Landhausstraße, die Rampischestraße, die Augustusstraße usw. vertheilen. Die oben erwähnten 11 Millionen Mark würden jedoch nicht verloren sein, sondern 2/3 der Summe würde man für das freiwerdende verkäufliche Bauland zurückerhalten. Leider scheint dieses Project der Vergessenheit anheim gefallen zu sein, obwohl die Verwirklichung desselben thatsächlich einem dringenden Bedürfnisse entsprechen würde. Vielleicht tragen diese Zeilen dazu bei, daß man seitens des Rathes dieser immer brennender werdenden Frage einmal ernstlich näher tritt. (DNN)"

Eine neue Straße entstand bekanntlich, wie schon erwähnt, vor dem neune Wettiner Bahnhof. Es ist aber irrig daraus zu schlussfolgern, dass, trotz des Baufortschritts und ähnlich wie beim neuen Hauptbahnhof, eine baldige Eröffnung bevorsteht:

"Die Anwohner des Bahnhofes „Haltestelle Wettiner Straße“ geben sich infolge der herannahenden Fertigstellung desselben sowie des vollendeten Ausbaues des vor den Bahnhof liegenden Theiles der Könneritzstraße, von der Jahnstraße an bis zur Marienbrücke noch immer der Hoffnung hin, es werde die Inbetriebnahme in Bälde folgen. Daß die Umgebung des Bahnhofes, insbesondere die Hausbesitzer ein großes Interesse daran haben, ist selbstverständlich, allein nach der uns gewordenen Information dürfte noch längere Zeit vergehen, ehe die Staatsbahnverwaltung in der Lage sein wird, diesen wohlberechtigten Wünschen zu entsprechen. Die Bahnwirthschaft ist für den 1. October d. J. ausgeschrieben, und hierin liegt schon ein Fingerzeig für jenen Stadttheil. Wenn man nun glauben wollte, es sei möglich, die Züge nach und von Neustadt kurzer Hand halten zu lassen, würde man sich eines großen Irrthums befinden, denn dies würde auf den Altstädter Hauptbahnhof, wo doch auch die Züge von und nach Chemnitz in großer Anzahl ein- und auslaufen, empfindliche Rückwirkungen äußern, welche ohne Zweifel Störungen im geregelten Zugslaufe zur Folge haben müßten. Es ist unbedingt nothwendig, den Bahnhof an der Wettinerstraße in den Fahrplan mit aufzunehmen, schon um des Zeitverlustes willen, der durch die verminderte Fahrgeschwindigkeit und durch das mehr oder weniger lange Halten der Züge entsteht, und dies inmitten einer Fahrplanperiode unternehmen zu wollen, dürfte angesichts des starken Verkehrs auf der Verbindungsbahn zu Schwierigkeiten führen, denen die Verwaltung sich sicher nicht gegenüberstellen wird. Es empfiehlt sich daher das Weitere der wohlwollenden Entschließung der maßgebenden Behörden vertrauensvoll zu überlassen. (DA)"

Gestern wurde ja schon über die Weihe des "Schwerterheims" berichtet. Heute schreibt der "Dresdner Anzeiger" darüber und, der lesenswerten Ausführungen über die Weiherede wegen, soll auch diese Notiz Beachtung finden:

"Zur Feier der Weihe des von der Genossenschaft „Schwerterheim“, wie in der gestrigen Nummer erwähnt, in Löbtau erbauten Doppelhauses hatten sich zahlreiche Ehrengäste, darunter die Herren Kreishauptmann Schmiedel und Oberregierungsrath Weger, Vertreter der Ortsbehörde Löbtau und zahlreiche Mitglieder der hiesigen Freimaurerlogen, sowie sonstige Gönner und Freunde dieses gemeinnützigen Werkes eingefunden. Zur Eröffnung der Feierlichkeit, welche in einem im Garten errichteten Zelte stattfand, sang der Logenchor das Lied: „Alles was Odem hat, lobe den Herrn.“ Hierauf begrüßte Herr Oberlehrer a. D. Spalteholz die Versammlung und dankte allen Anwesenden für ihre Theilnahme. Im Anschlusse hieran hielt Herr Rechtsanwalt Zeising, die Seele des ganzen gemeinnützigen Unternehmens, die Weiherede. Er führte aus, daß im Jahre 1883 eine Anzahl Männer zu der Genossenschaft „Schwerterheim“ zusammengetreten seien, von der Absicht geleitet, ihre geistigen und materiellen Kräfte nach Möglichkeit zum Besten der Minderbemittelten zu verwenden, um hierdurch zur Linderung unverschuldeter Noth beizutragen und den jetzt vielfach gestörte Frieden zwischen den verschiedenen Bevölkerungsklassen mit fördern zu helfen. In den zum Theil mangelhaften Wohnungsverhältnissen und dem dadurch beeinflußten Familienleben habe man eine wesentliche Ursache zu der mißlichen Lage der weniger Bemittelten erblickt. Man habe erkannt, daß eine Familie nur in einem festen, gesicherten und auch möglichst behaglichen Wohnsitze gedeihen könne. Es müßten deshalb in erster Linie Wohnungen zu einem billigen Miethpreise geboten werden, und zwar für eine lange Dauer. Die gesundheitlichen Verhältnisse müßten vor allem berücksichtigt und die Behaglichkeit der Wohnung gefördert werden. Ueberfüllung sei zu vermeiden und darauf Bedacht zu nehmen, daß nur Leute, die auf einer sittlich guten Grundlage stehen, in die Wohnungen aufgenommen würden. Der Miethszins solle niedrig bemessen werden, ohne jedoch den Hausbesitzern eine schädigende Konkurrenz zu bieten; hauptsächlich solle den Schützlingen durch Gewährung von Annehmlichkeiten, sowie sittlicher und leiblicher Hilfe entgegengekommen werden. Im Sommer sollten harmlose Vergnügungen in freier Luft, im Winter Vorträge über allgemein interessante Fragen neben Gesangsaufführungen und Deklamationen veranstaltet werden, wozu im neugeplanten Doppelhause die Räumlichkeiten vorgesehen seien. Die Errichtung eines Kindergartens, einer Krippe, eines Spielgartens, einer Bibliothek seien in Aussicht genommen. Der Aftermiethe müsse durch Schaffung von kleinen Wohnungen für einzelne Personen entgegengearbeitet werden. Nachdem Redner so die Bestrebungen der Genossenschaft klargelegt hatte, gab er der Hoffnung Ausdruck, daß mit dem Werke wieder etwas zur Ausgleichung der vielen Gegensätze unter den Menschen beigetragen worden sei. Nachdem der Logenchor sodann die Hymne von Beethoven: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“ gesungen hatte, erfolgte eine Besichtigung der Räumlichkeiten in dem neugeschaffenen Heim, die durchweg eine günstige Beurtheilung fanden. Abends vereinigten sich alle betheiligten Herren und die Gäste zu einer Festtafel im Altstädter Logenhause. (DA)"

Die Obrigkeit des zänkischen Bergvolks ist in ihr neues Domizil eingezogen:

"Weißer Hirsch. Mit dem 1. April ist das Gemeindeamt in das neue Rathaus, Schulstraße 2, übergesiedelt. (DA)"

Und noch ein Blick über den Tellerrand, in die Hauptstadt unseres Nachbarlandes:

"Ueber die Frage, wie Damen das Radfahren erlernen, hat ein Mitarbeiter des „Neuen Wiener Tageblatts“ den Lehrer einer Wiener Radfahrschule einvernommen: „Lernen die Damen rasch?“ „Die meisten. Die Hauptsache ist, ihnen Vertrauen zu geben. Um dies zu erreichen, achten wir vor Allem darauf, daß die Schülerin niemals falle. Keine der Damen, die wir in unserer Obhut haben, ist während dieser Zeit vom Rade gestürzt.“ „Glauben Sie aber nicht, daß einige kleine Stürze geeignet sind, das Lernen zu erleichtern?“ „Gewiß; aber die meisten Damen wünschen, daß der Prozeß des Lernens sich absolut schmerzlos abwickle, und wir müssen dem Rechnung tragen.“ „Wie viele Lektionen braucht eine Dame durchschnittlich?“ „Einige können schon nach sechs Lektionen fahren, andere nehmen zwölf und mehr Stunden. Vor Kurzem brachte ein Herr seine Ehehälfte zu uns und wünschte, daß sie das Radfahren so schnell als möglich erlerne. Während ich die Dame zwei Mal herumführte, sah er zu, und dann sagte er, er wolle sie selbst unterrichten. Ich hatte natürlich nichts dagegen, und so unterrichtete er sie denn in seiner Weise – was so viel hieß, als daß er sie gut paar Mal hinfliegen ließ. In zwei Lektionen von je einer halben Stunde konnte sie fahren. Ich wünschte, daß wir solch´ eine radikale Unterrichtsmethode allgemein anwenden dürften. Aber die Damen würden sich´s nicht gefallen lassen.“ „Glauben Sie, daß die Damen nur deshalb Radfahren lernen, weil es jetzt gerade Mode ist?“ „Einige mögen wohl mit dieser Idee beginnen, ich habe aber immer gefunden, daß Damen, wenn sie einmal das Rad gut beherrschen, das Radfahren wirklich lieben – viel mehr als manche Männer …“ (DN)"

Und ein Blick in die Mitte des Tellers, den Teller von morgen:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Gräupchensuppe. Pökelschweinsknöcheln mit Erbsenmus. Beefsteak à la Nelson mit Kartoffeln. Rhabarberkuchen. – Für einfachere: Rindfleisch mit Reis. (DN)"

Was bringen uns heute die Theater:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang 7 Uhr: 6. Sinfonie-Concert. Serie A.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Die Anna-Lise.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Das grobe Hemd."

Interessant ist das Programm des Sinfoniekonzerts. Erstmalig wird die Dichtung Zarathustra von  Richard Strauß aufgeführt, deren Eingangsfanfare wohl jeden bekannt sein sollte:

"1. Sinfonie (A-Dur) von L. v. Beethoven
2. Concert für Violoncello
3. Zarathustra, sinfonische Dichtung (zum ersten Male) von R. Strauß
4. Cellosoli"

Was schreibt uns die Polizei

"Polizeibericht. Am verwichenen Dienstag zog sich auf der großen Plauenschen Straße ein hiesiger Markthelfer beim Abladen eines 10 Centner schweren Fasses eine doppelte Quetschung des linken Fußes zu. – Aus einem in der Elisenstraße gelegenen Hause hat sich heute früh 6 Uhr ein am 1. April 1825 geborenes Fräulein durch ein im zweiten Obergeschoß gelegenes Fenster auf die Straße gestürzt und ist kurz darauf verstorben. (DN)"

Wo ist das Kind dazu:

"In der Nähe der Mordgrundbrücke ist vor einigen Tagen ein Kinderwagen mit verschiedenem Inhalt aufgefunden worden, ohne daß man bis jetzt hat in Erfahrung bringen können, wem derselbe gehört und aus welchem Anlaß er an dieser Stelle stehen gelassen worden ist. (DN)"

Schließlich noch eine Meldung zum umgestürzten Kohlenkahn bei Niederwartha:

"Ueber die Havarie des Kohlenkahns an der Niederwarthaer Brücke wird noch berichtet, daß der mit seiner Familie auf dem Fahrzeug wohnende Schiffer ein in seinem Fache durchaus tüchtiger Mann ist und den Unfall nicht verschuldet hat. Das noch verkehrt am Köditzer Ufer liegende Fahrzeug ist ein verdeckloser Kahn, aus Fichtenholz erbaut und bereits 4 Jahre im Gebrauch. (DN)"

Wenn die Polizei nicht helfen kann, dann tut´s vielleicht die Presse:

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Donnerstag, 1. April 1897

Der April meldet sich mit dem typischen Wetter dieses Monats an

"Bei wechselnder Bewölkung – der Nachmittag verlief meist heiter – fanden am 30. März nur vereinzelt noch schwache Niederschläge statt. Zugleich trat eine starke Wärmeabnahme ein, welche im Gebirge Frost brachte. Die Minima der Temperatur gingen von 4 Gr. (Dresden) herab bis – 6 Gr. (Fichtelberg), die Mittelwerthe lagen zwischen 5 und – 3 Gr. an denselben Stationen und das Maximum betrug nur 8,8 Gr. (Leipzig. Schneetiefe Reitzenhain 14, Fichtelberg 50 Cmtr. Mit abermaliger Abflachung hat sich die Depression etwas nach Nordosten verschoben und ein zweites Minimum des Luftdrucks bildet sich im Westen aus, von wo sich tiefer Druck in östlicher Richtung gleichfalls nach Nordosten erstreckt. Eine starke Zunahme hatte im Südosten stattgefunden (Maximum Hermannstadt, Lemberg 757 Mm.). Auf dem Continent wehen bei dieser Druckvertheilung leichte bis mäßige Südwinde, auch hat bei kühler Temperatur weitere Aufklarung sich eingestellt. Das rasche Vordringen des tiefen Drucks von Westen, welcher bereits in Nordwestdeutschland ein Fallen des Barometers zur Folge hat, läßt wieder auf zunehmende Bewölkung schließen.
Aussichten: Trübe. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 12 Gr. Wärme, niedrigste 2 Gr. Wärme. Vormittags heiter, Nachmittags bewölkt. Südwestwind. (DN)"

Kehrt nun der Winter zurück:

"In den Höhenlagen um Dresden zeigte sich gestern früh leichte Frostbildung auf stehenden Gewässern. Die Thermometer standen unter Nullpunkt. Auch im Dresdner Thalkessel traten gegen 5 Uhr Reifniederschläge ein, die schädigend auf die erwachende Vegetation eingewirkt haben dürften. Aus dem Gebirge einlaufende Eisenbahnwagons zeigten leicht beschneite Verdecks. Aus Lockwitz lauten die Nachrichten erfreulicher. Daselbst wurden gestern die ersten Schwalben beobachtet. Auch die Vegetation ist daselbst bereist weit vorgeschritten, sodaß alle Anzeichen für baldigen Eintritt des Frühlings geboten sind. (DN)"

Hoffentlich nicht, denn im Gondelhafen blüht es schon gewaltig:

"In der geschützten Lage des „Gondelhafens“, dicht am königlichen Belvedere, lenkt ein großes Rondel, bestehend aus Tausenden farbenprächtigen Krokus und Narzissen, die Aufmerksamkeit aller Passanten auf sich. (DA)"

Wenn auch die Königin wieder zu Hause ist und das Osterfest begangen wird, dann findet das traditionelle Osterkonzert bei Hofe statt. Einschließlich der ätzenden Vorstellungen tatsächlicher oder selbsternannter Größen:

"Am Königl. Hofe ist, wie bereits mitgetheilt, für den zweiten Osterfeiertag, den 19. April, in herkömmlicher Weise die Abhaltung eines Hofconcerts in Aussicht genommen, zu dem eine besondere Ansage noch ergehen wird. Bei dieser Gelegenheit werden Ihre Majestäten der König und die Königin, sowie die Prinzen und Prinzessinnen des Königl. Hauses, Königl. Hoheiten, Vorstellungen angemeldeter Damen und Herren annehmen. (DN)"

Die Glocken der Kreuzkirche werden zu Ostern schweigen. Übrigens, selbige wurden geborgen und in die Dresdner Glockengießerei verbracht:

"Heute Vormittag wurde die aus dem Schutt und Mauerwerk emporgearbeitete große Glocke der Kreuzkirche, deren Schallöffnung nahezu 2 Meter mißt, verladen. Sie war arg beschädigt, durch den ganzen Körper ging ein Sprung, der Helm war völlig abgeschlagen und auch sonst waren Stücke herausgebrochen. Nachmittags verlud man die beiden kleinen Glocken, von denen die eine völlig erhalten war, sie gab beim Anschlagen einen hellen Ton. Zur Hebung der Kolosse waren starke Seile aus der Thurmhöhe mit Winden verwendet worden. Alle drei Glocken wurden nach der Glockengießerei von Bierling gebracht. (DA)"

Der Eröffnungstermin für den neuen Dresdner Hauptbahnhof wurde ja schon genannt. Aber vielleicht wird dieser ja - was nicht nur in Dresden eine Sensation wäre - unterboten. Wenn auch nicht gleich um ein Jahr:

"Die Bauten auf dem Altstädter Personenhauptbahnhofe sind wiederum energisch in Angriff genommen worden, namentlich sind Hunderte von Arbeiter damit beschäftigt, die Tiefanlage, welche später den Görlitz – Reichenbacher, Dresden – Döbeln – Leipziger und Friedrichstädter Verkehr aufnehmen soll, der Vollendung möglichst nahe zu bringen. Wenn daher aus dieser regen Arbeitsthätigkeit die Annahme entstehen sollte, es sei beabsichtigt, diese Tiefanlage vorübergehend dem diesjährigen Pfingstverkehre auf der Chemnitzer Linie nutzbar zu machen, so würde eine solche auf eine irrige Voraussetzung beruhen, denn wie man uns von unterrichteter Seite berichtet, stehen einem solchen Plane, ganz abgesehen von den erheblichen Kosten, viele betriebliche Bedenken entgegen, welche es sogar dringend empfehlen, die Inbetriebnahme dieser Anlage bis zur Fertigstellung der gesammten Bauten zu verschieben. Der Zeitpunkt hierzu steht noch nicht genau fest, wir glauben jedoch derselben guten Quelle entnehmen zu dürfen, daß der 1. Juli 1898, wie vielfach zu lesen gewesen, ein sehr verspäteter Zeitpunkt sein würde. Am Geeignetsten erscheint der 1. Mai 1898, an welchem zugleich der Sommerfahrplan in Kraft tritt. Immerhin ist eine frühere Vollendung des gesammten Bahnhofsbereiches nicht ausgeschlossen. (DA)"

Mit dem Bahnbau entstand auch eine neue Fußgängerverbindung jenseits der Bahngleise:

"Zwischen der Falkenbrücke und der Hohen Brücke, entlang der Blinden- und Taubstummenanstalt, ist nunmehr der der Bahnseite zugekehrte obere Theil der Böschung mit einer gefälligen Einfriedigung in rothem und gelbem Ziegelbau versehen worden und dieser bisher etwas vernachlässigte Tract, der keinen schönen Anblick bot, präsentirt sich in schmucker Auflage. Von großem Werth für die Passanten ist die Verbindung der beiden Brücken durch einen neu angelegten Gang entlang der errichteten Mauer. Dadurch wird dem Publikum der Umweg über den Plauenschen Platz erspart und eilige Passagiere erreichen um mehrere Minuten früher den Bahnhof. (DNN)"

Ein Fußweg entlang einer errichteten Mauer. Diesen Schutz könnte man auch in der Oppellvorstadt gebrauchen:

"Von einem Vorfalle, der zur Vorsicht mahnt, schreibt uns ein Freund unseres Blattes: Gehe ich da am Sonntag in der siebenten Morgenstunde von meiner Wohnung durch den Viaduct am Bischofswege, wandere wohlgemuth den sogenannten Dammweg entlang, um mich an der Grenadierstraße der Königsbrückerstraße zuzuwenden. Da, ungefähr in der Mitte dieses Theiles des Dammweges angelangt, kamen vom Schlesischen Bahnhofe her zwei zusammengekoppelte Locomotiven. Unwillkürlich wendete ich meine Blicke den Maschinen zu – da, was war das? Plötzlich ward ich von etwas begrüßt, was verzweifelte Ähnlichkeit mit einem Sprühregen hatte. Verblüfft schaute ich mich erst um, dann mich selbst an. Du lieber Himmel! Wie sah ich denn aus? Meine Hände, mein Packet (graues Packpapier) waren über und über mit schwarzen Tüpfelchen bedeckt. Ein hinter mir kommender höherer Bahnbeamter machte mich darauf aufmerksam, daß auch mein Gesicht, sowie Kragen und Vorhemd total beschmutzt worden waren. Auf der schwarzen Hose und dem dunklen Mantel waren die Tüpfelchen nicht sichtbar. Eine nähere Untersuchung ergab, daß es Wagenöl war, welches offenbar von den Rädern der Locomotiven in Folge der Umdrehungen abspritzte. Mit Mühe reinigte ich Gesicht und Hände und schlich dann wieder meiner Wohnung zu. Wie hätte z. B. ein heller Ueberzieher oder dito Hut aussehen müssen! Der betreffende Bahnbeamte rieth mir, beim Bahnamte Beschwerde zu führen und Schadenersatz zu verlangen. Da mir jedoch ein größerer Schaden nicht entstanden, verzichtete ich darauf; ziehe es hingegen vor, Ihre geschätzten Leser hiermit zur Vorsicht zu mahnen bei Begehung dieses lebhaft benützten Weges. (DNN)"

Vom Dammweg zur zukünftigen "Kellei" in Löbtau. Dort wurde, wie schon kurz gemeldet, das Schwerterheim feierlich übergeben:

"Zu einer schlichten, aber würdigen und erhebenden Feier hatte die Genossenschaft „Schwerterheim“, welche sich aus Mitgliedern der Freimaurerloge „Zu den drei Schwertern und Asträa zur grünenden Raute“ zusammensetzt, ihre Gönner und Freunde gestern Nachmittag eingeladen. Es galt das stattliche, im Stile der Renaissance erbaute Doppelhaus „Schwerterheim“ auf der Wilsdrufferstraße Nr. 37 in Löbtau einzuweihen, zu welchem bereits am 6. Mai 1896 der Grundstein gelegt worden war, sodaß es am 1. Januar 1897 bezogen werden konnte. Die Feier selbst fand in einem ad hoc errichteten Zelte im Garten des Schwerterheims statt, in dem sich kurz nach halb 4 Uhr eine stattliche Versammlung vornehmlich von Mitgliedern der Schwerterloge eingefunden hatte. Unter den Ehrengästen sah man die Herren Kreishauptmann Schmiedel, Oberregierungsrath Weger, Deputationen der Logen „zum goldenen Apfel“ und „zu den ehernen Säulen“ mit ihren zugeordneten Meistern vom Stuhl, Dr. Kolbe, ein besonders verdientes Mitglied der Schwerterloge. Vertreter der Gemeinde Löbtau etc. Mit dem Gesange des Chors „Alles was Odem hat, lobe den Herrn“, den Mitglieder der Schwerter- und Apfelloge unter der Leitung des Bruders Gutzschbach exakt ausführten, wurde die Feier eröffnet. Danach ergriff der zugeordnete Meister vom Stuhl Herr Oberlehrer Spalteholz das Wort zu einer herzlichen Begrüßung der Anwesenden und dankte für ihr zahlreiches Erscheinen. Die Festrede hielt der Rechtsanwalt Zeising. In kurzen Strichen entwarf Redner eine Geschichte  des Doppelhauses „Schwerterheim“, in welcher er mit besonderem Nachdruck den Zweck dieses Unternehmens auseinandersetzte, das in seiner Weise dazu beitragen wolle, durch Beschaffung guter und billiger Wohnungen die soziale Noth zu lindern und den weniger bemittelten nach Kräften aufzuhelfen. Am Schluß gab Herr Rechtsanwalt Zeising der Hoffnung Ausdruck, daß in Bälde das zweite Doppelhaus „Schwerterheim“ in Angriff genommen werden könne und entwarf in interessanten Ausführungen ein Bild des Lebens und Treibens in den verschiedenen Schwerterheimen, wie es sich, wenn die Voraussetzungen der Genossenschaft erfüllt werden, so Gott will entfalten soll. Der Chorgesang des „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“ schloß die Feier, nach der Bruder Spalteholz zu einem Rundgang durch das neue Haus aufforderte, an dem sich die Meisten der Anwesenden, Allen voran Herr Kreishauptmann Schmiedel, betheiligten. Das Doppelhaus besteht aus einem hohen Parterre, zwei Etagen, Mansarde und Dachboden; die Ansichten der Vorder- und Seitenfronten des Erdgeschosses, sowie die gesammten Architekturtheile der Obergeschosse sind aus Cottaer Sandstein, die übrigen Flächen aus Verblendziegeln gelb mit rothem Muster hergestellt. Im Ganzen enthält das Hau 26 Wohnungen, die je aus Vorsaal, Stube, Kammer und Küche bestehen: außerdem stehen 4 Läden mit den gleichen Wohnräumen zur Vermiethung zur Verfügung. Die Aufnahme von Aftermiethern ist in den „Schwerterheimen“ gänzlich untersagt. Vor dem Hause liegen reizende Vorgärten, hinter dem Hause befindet sich ein geräumiger Wirthsaftshof und ein großer gemeinsamer Kinderspielplatz. Die Gesammtanlage ist nach den Plänen der Architekten Eger und Kickelhayn geschaffen worden; die Ausführung der maurer- und Zimmerarbeiten hatte der Baumeister Fichtner übernommen. Alle an dem Unternehmen Betheiligten waren Logenbrüder, dank deren Uneigennützigkeit der gesammte Bauaufwand des Doppelhauses einschließlich der Einfriedigungen, Gartenabtheilungen und aller Nebenausgaben mit 130.000 Mark bestritten werden konnte. – Das Ganze macht einen ungemein sympathischen Eindruck, wie er nicht günstiger sein kann, und wird gewiß seinen schönen Zweck auf das Beste erfüllen. (DN)"

Und im Zelt gab es dann sicherlich was Leckerfetziges. So wie bei uns am morgigen Tage:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Kartoffelsuppe. Frische Rindszunge mit Kapernsauce. Wildschweinsbraten mit Salat. Punschauflauf. – Für einfachere: Nudelsuppe. Gebackenes Kalbfleisch mit Kartoffelsalat. (DN)"

Das Residenztheater bietet heute eine Benefizveranstaltung, außerdem wird gespielt:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang ½ 8 Uhr: Der Prophet.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang 7 Uhr: Die versunkene Glocke.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Wohlthätigkeits-Vorstellung zum Besten des nothleidenden Astronomen Rudolf Fald. Waldmeister (2. Akt), Die Fledermaus (2. Akt), Die kleinen Lämmer (2. Akt)."

Die Polizei meldet heute wieder nur Tote:

"Polizeibericht. Im großen Ostragehege, unweit der Uebigauer Fähre, ist heute früh der Leichnam eines unbekannten Mannes aus der Elbe gezogen und nach dem äußeren Friedrichstädter Friedhofe gebracht worden. – In einem hiesigen Hotel versuchte sich in der Nacht zu heute Mittwoch ein Fremder durch Einathmen von Kohlengas sich zu vergiften. Er wurde dem Stadtkrankenhause zugeführt. – Infolge plötzlich überkommenden Unwohlseins trat gestern Abend ein 61 Jahre alter, hier wohnhafter Herr in ein Haus in der Amalienstraße ein, sank jedoch sofort hinter der Thüre zusammen und war, von einem Herzschlag getroffen, alsbald verschieden. – Nach einer heute hier eingegangenen Nachricht ist am 29. März am Elbheger bei Serkowitz der Leichnam eines unbekannten, vielleicht 15 bis 18 Jahre alten Mädchens aus dem Wasser gezogen worden. Die Verstorbene trug marineblaues Jacket mit Plüschbesatz, eine rothgekästelte Bluse mit sieben Perlmutterknöpfen, eine dunkle Tricottaille mit Besatz und schwarzen Knöpfen, dunkles Korset, dunkelblaugestreiften Oberrock, zwei grau- und blaugestreifte Unterröcke, rothbarchentenes Beinkleid, rothkattune Taille, rothgekästeltes Barchenthemd, dunkelblaue Schürze mit gestickter Kante und hatte ein „A. H.“ gezeichnetes Taschentuch bei sich, der vorgeschrittenen Zersetzung des Körpers nach, hat der Leichnam längere Zeit im Wasser gelegen. (DA)"

Zur Warnung. Auch als Einwickelpapier benutzte sozialdemokratische Blätter ziehen unweigerlich Arrest nach sich, wenn ein gemeiner Soldat damit angetroffen wird:

"Ein Fall, der zur Vorsicht mahnt. Ein bei einem hiesigen Regiment stehender Soldat beauftragte einen Kameraden, ihm von seinen Eltern, die ein Restaurant bewirthschaften, ein Paar Pantoffeln zu besorgen, was Letzterer auch besorgte. Die Mutter des Soldaten hat nun, ohne darauf zu achten, die Pantoffeln in ein Zeitungsblatt eingeschlagen, in welchem der Sohn dieselben auch in seinem Effectenschrank aufbewahrt hat. Dieses Einpackpapier war die Beilage eines socialdemokratischen Blattes, welches in dem Restaurant ausliegt, und wurde bei einer Revision gefunden. In Folge dessen ist gegen den betreffenden Soldaten die Untersuchung eingeleitet und derselbe schließlich zu einer Freiheitsstrafe verurtheilt worden. es ist nun gewiß anzunehmen, daß die Frau keine Politik treibt, doch hat sie die schweren Folgen nicht in Betracht gezogen, welche aus ihrer Unachtsamkeit entstehen mußten. (DNN)"

Leute, die neue Turnhalle wurde doch nicht nur zur Zierde erbaut. Also rann ihr Burschen. Zur Leibesertüchtigung:

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